Die Schülertypen

Haben Sie, falls Sie musikpädagogisch tätig sind, schon so ein bisschen Menschenkenntnis in Bezug auf Ihre Schüler erworben? Es gibt eine ganze Reihe von psychologischen Modellen zur Einteilung der Charaktere von Menschen. Ich habe meine eigene in puncto Schülertypen und möchte sie mit mehr oder weniger ironischem Unterton zum Besten geben.

Der Chaosjunge

Dieser Typ ist vorwiegend männlich (logisch, daher der Begriff) und unter 18 Jahren alt. Er ist nett und kommunikativ, aber er ist unordentlich und unzuverlässig. Seine mangelnde Disziplin verhindert, dass sein meist durchaus vorhandenes musikalisches Potential genutzt wird. Er lernt am liebsten entdeckend und er lernt vorwiegend nur das, was ihn zufälligerweise interessiert. Darin kann er sich schnell festbeißen, und dann wundern Sie sich über sprunghafte Fortschritte. Das wichtigste für diesen Typ ist, dass Sie ihm seine (noch) mangelnde Disziplin nicht zum Verhängnis werden lassen. Stellen Sie sich vor, dass Sie diesen Schüler über Jahre "mitschleifen" in der Hoffnung, dass er vielleicht nach der Pubertät ein Interesse an Leistung entwickelt und strukturierter lernt. Ich habe Schüler gehabt, die im Anfangsunterricht völlig unauffällig waren und in dieser Kategorie landeten, dann aber nach Monaten oder Jahren mit einer Leistungsexplosion aufwarteten, weil ihr Interesse erwachte.

Antiautoritärer Autodidakt

Ähnlichkeiten mit dem Chaosjungen hat jener Typ, der meist als Autodidakt mit Vorkenntnissen zu Ihnen kommt. Auch er funktioniert nach dem Lustprinzip, aber seine Laune entscheidet nicht darüber, OB er was macht, sondern WAS er macht. Meist kommt er mit Vorkenntnissen zu Ihnen. Ein erstes schwieriges Problem ist, dass Sie Überzeugungsarbeit leisten müssen, wenn er bisher Falsches bzw. Unvorteilhaftes gelernt hat. Dieser Schülertyp kann mit falscher Technik durchaus besser spielen als andere mit richtiger Technik. Deswegen fällt die "Umerziehung" schwer. Kein anderer Schülertyp zweifelt so sehr an Ihrer Autorität wie der antiautoritäre Autodidakt. Er berichtet Ihnen oft von Youtube-Videos, von Gitarre spielenden Freunden und allen möglichen Informationsquellen. Und es geht immer genau nicht um das, was Sie aktuell im Unterricht für richtig und wichtig halten. Es nutzt meist wenig, wenn Sie diesem Schüler bei der Wahl des Lernstoffes entgegen kommen. Sobald für ihn der Druck der Pflichterfüllung entsteht, schwindet sein Interesse.
Unterrichtsstunden mit diesem Schülertyp sind relativ zusammenhanglose Einzelereignisse, die aber durchaus spannend und unterhaltsam sein können. Denn dieser Schüler ist kreativ, improvisiert gern und interessiert sich für praktische Tricks und Kniffe. Sie können es als Erfolg verbuchen, wenn sie diesen Schülertyp längere Zeit "bei der Stange halten" können und ihn nicht allzu schnell an den nächsten Kollegen verlieren.

Typ Einser

Im Gegensatz dazu ist der Einser sehr hörig. Der Einser macht in der Regel genau das, was Sie sagen. Wenn Sie sagen, dass er täglich 15 Minuten üben soll, dann übt er 15 Minuten. Seine Disziplin hat zur Folge, dass er sehr gute Leistungen vollbringt. Er hat Ausdauer, denn er weiß aus Erfahrung, dass sie sich lohnt. Meist ist er auch in der Schule und im Sport gut. Was er anfässt, wird zu Gold. Er muss nicht der geborene "Musikant" sein, um all jene zu überflügeln, die zwar hoffnungsvoll aber eben undiszipliniert starten. Falls Sie sich Gedanken um die Wahl Ihrer pädagogischen Mittel und Wege machen, dann macht dies vor allem bei diesem Schülertyp Sinn. Er erfüllt eben auch die etwas unangenehmen Aufgaben und arbeitet nicht vorrangig nach dem Lustprinzip.
Aber der Einser hat auch seine Defizite, an denen man arbeiten sollte. Es mangelt ihm beinahe zwangsläufig an Individualität und Kreativität. Ganz im Gegenteil also zum antiautoritären Autodidakten. Wenn ich merke, dass ich einen Einser "erwischt" habe, dann versuche ich ihn so schnell wie möglich zur außerschulischen Praxis (Band, Duo, Solo) zu ermutigen. Wenn er genügend Impulse aus der Praxis empfängt und sich von der Schultheorie freischwimmen kann, wird aus ihm ein guter und aktiver Musiker.

Die Schnecke

So wie der Chaosjunge vorwiegend männlich ist, ist die Schnecke vorwiegend weiblich. Und man kann sich leicht denken, wo der Knackpunkt bei diesem Schülertyp liegt. Es ist die extreme Langsamkeit der Fortbewegung. Und immer dann, wenn man glaubt, dass die Schnecke tot ist, bewegt sie sich plötzlich doch wieder ein kleines Stück vorwärts. Man hat bei der Schnecke zunächst den Eindruck, dass sie nie übt und dass sie niemals auch nur ansatzweise eine Musikerpersönlichkeit werden kann. Man würde am liebsten kündigen, wenn es so herum üblich wäre. Aber Schnecken kommen fast immer zum Unterricht. Und wenn es keinen triftigen Kündigungsgrund ihrerseits gibt, kommen sie auch (... Sie ahnen es ...)  sehr, sehr lange zum Unterricht. Deswegen staunen Sie vielleicht nach 4 Jahren, dass es die Schnecke doch weiter gebracht hat als so manche flinke Eintagsfliege. Die Schnecke ist ein Kaltblut, das sich bei ihnen wohlfühlt, wenn es sich einmal an Sie gewöhnt hat. Schrecken Sie sie bitte nicht auf, sondern geben Sie ihr die Ruhe, die sie braucht um ganz allmählich ein Stück ihres Weges zurückzulegen. Jeglicher Druck auf mehr Schnelligkeit bleibt eh meist folgenlos.

Das Heißblut

Demgegenüber existiert auch ein Heißblut. Vor allem was Kommunikation angeht. Das Heißblut reflektiert sich selbst und es reflektiert Sie und Ihren Unterricht. Es berichtet begeistert von seinen Fortschritten oder davon, dass es viel geübt hat. Dieser anfangs euphorische Typ wird sie loben und Ihnen das Gefühl geben, dass Sie alles richtig machen. Bis zu jenem Tage, an dem Sie relativ überraschend die Nachricht erhalten, dass irgendetwas im Leben des Schülers passiert ist, weswegen er den Gitarrenunterricht beenden muss. Manchmal gehen dem ein paar abgesagte Termine voraus. Manchmal ein paar Wochen ohne Üben (oft aus Zeitnot).
Ob dieser Typ eher männlich oder weiblich ist, kann ich nicht genau sagen. Aber bei mir ist dieser Schülertypus oft der Spezialtyp "Mutter" gewesen. Mütter sind stark belastet, speziell wenn sie arbeiten gehen (müssen). Sie haben folgerichtig die Absicht endlich mal etwas für sich zu tun. Dabei kommen sie eben auch auf die Idee, Gitarre zu lernen. Wenn die Umsetzung dieser Idee Gestalt annimmt,  tritt eine gewisse Euphorie ein. Diese wird allerdings mehr oder weniger stark von der allmählichen Erkenntnis gedämpft, dass man für das Gitarrelernen Zeit und Ruhe braucht. Das können Mütter meist nur schwer aufbringen.
Aber genauso gut kann der Typ "Heißblut" ein Berufstätiger sein, der bewusst oder unbewusst dem Burnout entgehen will. Das Resultat ist das gleiche. Der anfänglichen Euphorie folgt die Landung in der unverändert hektischen Realität. Ich kann diesen Typ an der Geschwindigkeit erkennen, in der er das Treppenhaus hoch läuft. Der Unterricht mit dem Heißblut hat daher manchmal etwas von Therapie. Stichwort: Achtsamkeit. Der Euphorische ist es gewohnt, alles schnell zu machen. Oft hört er gar nicht genau zu, was ich sage, sondern sieht nur die Aufgabe, welche er so schnell und so gut wie möglich erledigen will. Was oft zum Gegenteil führt. Dieser Schüler setzt sich unter Druck, und häufig ist er auch nervös beim Spielen und klagt darüber, dass die Leistung zu Hause ja viel besser war. Bei manchen dieser Schüler gelingt es mir den "Dampf" rauszunehmen und den Gitarrenunterricht tatsächlich als Ruhepol im Hochdruck-Alltag zu etablieren.


Wie gesagt, es ging hier weder um Vollständigkeit noch um Allgemeingültigkeit. Wie so oft, taugen solche Schemen allenfalls, die Mischung einer Persönlichkeit zu umreißen.
Wenn Sie noch ganz andere Schülertypen kennen, dann lassen Sie es mich mittels der Kommentarfunktion wissen.