Was ist musikalisches Talent?

Bin ich musikalisch talentiert? Die Frage stellen sich viele bereits, bevor sie mit dem Gitarrelernen beginnen. Doch was ist eigentlich genau das musikalische Talent? Ich bin der Meinung, dass es DAS musikalische Talent gar nicht gibt, sondern Teilbegabungen bzw. Eigenschaften, die sich zu einer mehr oder weniger günstigen Mischung vereinigen.  

Auch diesem Beitrag muss ich voranstellen, dass mir für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema "Musikalisches Talent" die Zeit und die Lust fehlen, selbstverständlich auch der Sachverstand. Ich spreche nur aus Erfahrung - in Verbindung mit ein wenig Denkarbeit.
Es gibt nicht DAS Musiktalent. Schon allein weil es auch nicht DIE Musik gibt. Das Musizieren und das erfolgreiche Musizieren vor Publikum ist ein Prozess, der sich aus vielen Aspekten zusammensetzt. All diese Aspekte erfordern spezifische Fähigkeiten und Eigenschaften. Von einer Begabung spricht man, wenn einerseits bestimmte Fähigkeiten bereits vorhanden sind oder wenn andererseits eine überdurchschnittliche Lerngeschwindigkeit in Bezug auf diese Fähigkeiten vorhanden ist. Das erste ist in vielen Fällen die Folge des zweiten, aber es gibt halt auch Fähigkeiten, die auf angeborenen Faktoren beruhen.
Ich habe insgesamt 10 Talente herausgefunden, die sich in Summe auf den Erfolg einer musikalischen Ausbildung bzw. eine Karriere auswirken. Ich gebe diesen Talenten keine Gewichtung, denn Defizite in dem einen oder anderen Bereich können kompensiert werden. Die Reihenfolge ist willkürlich festgelegt.

Gehör - Klangvorstellung - Intonation

Einerseits ist das Gehör trainierbar. Andererseits gibt es Menschen, die von Natur aus entweder ein sehr feines Gehör besitzen bzw. starke Assoziationsmechanismen, die ein besseres akustisches Gedächtnis ermöglichen. Ein absolutes Gehör ist die Folge eines guten Klanggedächtnisses. Akustische Reize prägen sich stark ein und vereinfachen nicht nur die Reproduktion von Gehörtem sondern auch die Identifikation und Beurteilung von Klängen. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Klangerzeugung und die Intonation aus. 
Viele Hobbymusiker hören ihre Fehler nicht und können sie daher von selbst nicht abstellen. Menschen mit einem guten Gehör produzieren einen guten Klang, denn schlechter Klang tut ihnen weh. Dennoch ist das Gehör kein Allheilmittel, so wie es speziell in der klassischen Musik manchmal dargestellt wird.

Rhythmusgefühl - Klangvorstellung - Timing

Meiner Meinung nach wird Rhythmusgefühl in der gegenwärtigen Musikausbildung untergewichtet. Jeder Musiker ist für mich ein Schlagzeuger, nur dass er mit Fingern trommelt. Unsere klassische Kunstmusiktradition hat uns auf eine falsche Fährte gelockt. Sie suggeriert, dass Timing nicht so wichtig wie Klang ist. Und das ist möglicherweise so, weil sich die Kunstmusik zur "Sitz- und Hörmusik" entwickelt hat, die auf einen passiven Zuhörer setzt. Das ist keine Wertung, aber in Bezug auf die musikalische Ausbildung ist für mich Rhythmus das Thema Nummer 1. 
Wenn wir es ganz genau nehmen, ist jeder Klang letztlich auch nur der Rhythmus einer Amplitude. Ich behaupte, dass rhythmische Muster einer Klangvorstellung bedürfen, die in unserem Sprachzentrum angesiedelt ist. Rhythmus wird mit Bewegung erzeugt, aber genau wie Sprache in die Zukunft gedacht. Rhythmus hat etwas mit der Gegenwartserfahrung zu tun. Rhythmusgefühl bedeutet einerseits, eine Vorstellung von einer rhythmischen Abfolge zu haben, so wie man eine Vorstellung von der Aussprache eines Wortes hat - und zum anderen bedeutet es, seine Bewegungen soweit zu lockern, dass der Körper in die Schwingung eines Timings gerät. Also in Resonanz.
Wer ein gutes Rhythmusgefühl besitzt oder erwirbt, kann mit Worten, Geräuschen oder mit einem Fingerschnipsen Musik machen.

Feinmotorik - Schnelligkeit - Virtuosität

In der Spitze sind Musiker meist Virtuosen. Virtuosität ist mehr als nur Schnelligkeit, aber ich denke, dass es genauso wie im Sport Menschen gibt, die bestimmte Bewegungsabläufe schneller und genauer ausführen können als andere. Hierbei spielt die Abspeicherung von Bewegungsroutinen eine Rolle sowie die körperlichen (nervlichen) Voraussetzungen für schnelle und genaue Bewegungen. 
Ich wette, dass ein Sprinter eine motorische Begabung hat, die er auch auf einem Instrument ausleben könnte. Denn beim Sprint entscheiden nicht allein die Muskeln über den Sieg sondern der optimale Bewegungsablauf, welcher dann eine maximale Wiederholungsrate ermöglicht.
Man kann ohne jegliche Begabung in puncto Gehör oder Rhythmus schnelle Läufe auf der Gitarre spielen. Ich habe das bei Rockgitarristen öfter beobachtet.

Ausdruck - Emotion - Charisma - Imitation

Es gibt Menschen, die verfügen über eine überdurchschnittlich starke Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bann zu ziehen. Zum einen gehört dazu eine Portion der sogenannten emotionalen Intelligenz dazu. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Wirkung auf andere sowie deren Gefühle in Situationen einschätzen zu können. Zum anderen gehört dazu die Fähigkeit zur Ausdrucksstärke. Man könnte von einem schauspielerischen Talent sprechen. Musik hat immer etwas mit Emotionen zu tun. Ein Klang allein wirkt emotional. Wer allerdings gut in der Lage ist, die Emotionalität eines Klanges zu unterstreichen, sei es mit musikalischen oder theatralischen Mitteln, der kann Leute mehr begeistern als ein nüchterner Darbieter der allerhöchsten Kunstfertigkeit..

Kreativität - Individualität - Originalität - Fantasie

Und es gibt Menschen, die einen überdurchschnittlichen Sinn für Außergewöhnliches haben. Sie sind anders als andere, meist weil sie anders sein und sich abheben  wollen. Das ist sicher verbunden mit dem Wunsch nach Aufmerksamkeit aber eben auch mit der Gefahr Missgunst zu ernten. Manche können nicht anders, manche wollen nicht anders. Um in der sehr reichen Musikwelt aufzufallen, scheint diese Begabung von Vorteil zu sein. Kreativität heißt, neues zu schaffen. Nirgendwo ist das Neue so wichtig wie in der Popmusik. Neu heißt dabei immer auch "anders". Nicht völlig anders, aber eben individuell bzw. originell. Ein Musiker, der Dinge anders macht als andere und der eigensinnig und fantasievoll ist, hat einen großen Vorteil. Manche Künstler möchten auf Brücken laufen, die hinter ihnen einstürzen, damit ihnen niemand folgen kann.

Intelligenz - Gedächtnis - Kombination - Rekombination

Als Lehrer weiß man, dass Kinder mit schlechteren schulischen Leistungen meist auch schlechtere musikschulische Leistungen haben. Es gibt hier Ausnahmen, speziell wenn schlechte schulische Leistungen ihre Ursache nicht in mangelnder Intelligenz haben. Es gibt aber (leider) den Zusammenhang zwischen Intelligenz, Elternhaus und musikalischer Leistung. Für viele Anforderungen beim Musizieren brauchen wir ein halbwegs gutes Gedächtnis. Es hilft ungemein, wenn man sich Notennamen, Griffe, Skalen, Formen usw. schnell und gut merken kann. Es hilft, wenn man Schemen, logische Zusammenhänge und Komplexität schneller erkennt.   
Angeblich gibt es den Effekt, dass Musik die Intelligenz erhöht. Meiner Meinung hängt das damit zusammen, dass Musik die Intelligenz fordert.

Leidenschaft - Lust - Freude - Motivation 

Ich hatte eingangs erwähnt, dass es keine Gewichtung in den Talentaspekten gibt, aber hier würde ich dann doch sagen: Die Leidenschaft und die Freude an der Musik ist der Faktor, der vielleicht am meisten über die musikalische Leistungsfähigkeit entscheidet. Warum? Mit Leidenschaft und Freude wird man sämtliche Defizite in den anderen Bereichen reduzieren können. Weil man durch Lust und Motivation am Ball bleibt und die Qualität Stück für Stück größer wird. Wer keine besonders große Freude am Musizieren empfindet, kann begabt sein, wie er will - ihm wird die nötige Praxis fehlen. Mein Lehrer hat gesagt: Schweißer wird man vom Schweißen. Pat Metheny hat gesagt, dass ein guter Musiker irgendwann Zeiten gehabt haben muss, in denen er 7 Stunden am Tag gespielt hat. Ohne außerordentliche Freude am Klang macht man das nicht. 

Fleiß - Ehrfurcht - Geduld - Disziplin


So sehr die Lust und die Leidenschaft zum Musizieren notwendig ist: Es gibt viele Momente im Leben des ambitionierten Musikers, wo Frust einkehrt und das schnelle menschliche Belohnungssystem zur Motivation nicht ausreicht. Hier sind Primärtugenden wie Fleiß und Disziplin gefragt. Genau in diesen Phasen steigen viele durchaus fähige Musiker aus. Schüler hören auf zu üben. Eine Abwärtsspirale kommt in Gang, in der mangelnde Erfolgserlebnisse die Lust verringern. Wie heißt es immer: Das Talent ist die 1 und der Fleiß sind die Nullen dahinter. Ich bezeichne Fleiß ebenfalls als Talent, denn nachgewiesenermaßen gibt es Menschen, denen es besser als anderen gelingt, das Belohnungssystem a la long zu stellen und Dinge zu tun, von denen erst langfristig eine Belohnung zu erwarten ist. Zusätzlich habe ich unter diesem Punkt noch das Wort Ehrfurcht als Synonym für die Anerkennung von Autoritäten genannt. Nicht immer, aber oft zahlt es sich aus, den Rat von Leuten zu befolgen, die vieles besser wissen als man selbst. 

Schicksal - Psyche - Kompensation 


Ein Ansporn unseres Tuns liegt durchaus in der Absicht, geliebt, geehrt und geachtet zu werden. Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ein Problem mit mangelnder Liebe, Selbstliebe oder Selbstwertgefühl haben, haben unter Umständen ein Talent zur Kompensation. Das heißt, dass sie sich Tätigkeiten suchen, mit denen sie ihr Selbstwertgefühl steigern können bzw. dass sie sich Tätigkeiten suchen, in denen sie ein Gefühl von Glück finden, das ihnen im normalen Leben verwehrt ist. Für viele Künstler waren psychische und biografische Probleme ausschlaggebend für ihre ganz besondere Anstrengung und Vertiefung in die jeweilige Materie. Kunst, und hier Musik im Besonderen, wird nicht umsonst als Therapieform genutzt. Kunst ist ein Rückzugsgebiet für Menschen, denen das Glück auf normalem Wege nicht recht gelingen mag. Beziehungsprobleme, Verhaltensprobleme und Anomalien schaffen eine gewisse Isolation, die dazu führen kann, viel Zeit mit sich und der Kunst zu verbringen. 

Menschliche Reife - Tugend

Dieser Punkt ist mir erst eingefallen, als ich dachte, dass es nur 9 Talente gibt. Menschliche Reife ist kein Talent, sondern eigentlich nur mit Lebenserfahrung zu erreichen. Es gibt aber junge Menschen, die auf ihre Art äußerst ausgeglichen und beinahe weise erscheinen. Kinder mit außergewöhnlichen musikalischen Leistungen wirken oft viel reifer als ihre Altersgenossen. Sie interessieren sich für andere Dinge als Gleichaltrige. Das Bild vom kaspernden Mozart ist eine Verzerrung. 
Dennoch interessieren mich die Darbietungen von Kinderstars kaum, auch wenn ich oft staune. Eine Meisterleistung baut für mich auf einem menschlichen Reifeprozess auf. Große Künstler benötigen Lebenserfahrung, die sie tugendhaft und reif werden lässt. Musik ist Informations- und Energieübertragung. Wer in seinem Leben keine Erkenntnis gewinnt, der wird auch wenig übertragen können. Manche Kinderstars reifen nicht aus, weil ihr Lebensweg ganz anders verläuft, als es für einen echten Meister nötig ist. Sie werden früh  verheizt. Sie geraten in zu schwere Krisen. Ihr Innenleben hinkt ihren musikalischen Laufbahn hinterher und fordert irgendwann seinen Preis.


Man erlebt häufig, dass die als große Talente gehandelten Musiker meist in allen Disziplinen ähnlich begabt sind. Dies ist der Grund, warum viele das musikalische Talent für eine Art Monolith halten. Tatsächlich aber wird jeder Musiker in den 10 genannten Punkten etwas finden, das bei ihm nicht oder nur wenig zutrifft.
Viele Menschen werden entmutigt zu musizieren, weil ihnen andere das Talent absprechen, obwohl sie gar nicht wissen, wovon sie genau reden. Der pauschale Verweis auf das musikalische Talent ist mit der Unfähigkeit verbunden, ein präzises Urteil abzugeben - sowohl positiv als auch negativ. 


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