Von Schlagzeugern und Professoren - Kritik an Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther

Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther ist ein Youtube-Star. Das ist Grund für mich, seine gut klingenden Thesen ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Sind seine Ansichten für meine pädagogische Arbeit nützlich, geschweige denn mit meinen pädagogischen Erfahrungen vereinbar? 

Hirnforschung ist nicht nur für den pädagogisch tätigen Menschen ein spannendes Thema. Ich glaube, dass viele Menschen heutzutage vorzugsweise eine wissenschaftliche Erklärung für die Richtigkeit ihrer Handlungen und Ansichten haben möchten. Vermutlich laufen mittlerweile handfeste Hirnforschungsergebnisse der Philosophie, Religion und Psychologie ein wenig den Rang ab. Zumindest wäre das eine Erklärung dafür, warum auf Youtube Beiträge von Hirnforschern empfohlen werden, wenn man mal die Cookies (und damit den Blasen bildenden Algorithmus) ausgeschaltet hat.

Die Leute fressen Hirnforschern  aus der Hand. Erst recht, wenn diese dann noch ein großväterlich-weises Aussehen, eine spannende Biografie und eine warme Stimme haben. Und so ist Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther ein Youtube-Star, oder - wenn wir so wollen - gar ein Influencer für Intellektuelle. Ausgehend von den Ergebnissen der Forschung beantwortet er Fragen, die sich jeder selber oft stellt: Wie finde ich Sinn im Leben? Wie gelingt meine Beziehung? Oder auch: Wie werden aus meinen Kindern gescheite Leute? Auf die letzte Frage bezieht sich das Video, das ich meinen Ausführungen zugrunde legen möchte: Intelligenz & Kreativität ist kein Zufall: Wie Lernen erfolgreich gelingt  Wer keine Lust und keine Zeit hat, das Interview zu sehen - hier eine ganz kurze Zusammenfassung: Kinder dürfen in der Erziehung und der Bildung nicht zu Objekten gemacht werden. Dies geschieht aber, sobald Forderungen und Bewertungen aufgestellt werden. Unser Bildungssystem verdirbt den Kindern die Freude am Lernen und verhindert deren Potentialentfaltung. Damit sind die Kinder nicht vorbereitet auf eine Zukunft, in der menschliche Tätigkeit fast nur noch von Kreativität und Intelligenz bestimmt wird, weil Maschinen alles andere viel besser können. 

Ich habe durchaus Respekt vor Hüther, und in vielen Punkten sicher auch eine ähnliche Sichtweise. Zwar habe ich keine Ahnung von Neurologie, Psychiatrie usw., aber ich habe ein wenig Erfahrung mit der musikalischen Bildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Und deswegen erlaube ich mir mitzureden. Der Professor beschreibt ab der 35.Minute beispielhaft, dass jedes Kind Potentiale (Talente, Begabungen) besitzt, die es gilt heraus zu finden und deren Entfaltung man nicht im Wege stehen sollte. Wer würde das bezweifeln?
Es klingt so schön, wenn Hüther das freie Spiel der Kinder beobachtet, z.B. wie da einer auf den Töpfen trommelt: "Der könnte dann Schlagzeuger werden." Oder einer, der gerne experimentiert, wird später Professor. Vielleicht ist es unfair, Hüther beim Wort zu nehmen, aber: Ist es Zufall, dass dem Herrn Professor erstens Berufe einfallen und zweitens solch seltene wie Schlagzeuger oder Professor? Andersherum gefragt: Wie könnte man denn das kindliche Potential zum Busfahrerberuf entdecken? Gibt es dieses Potential überhaupt? Braucht man es, um Busfahrer werden zu können? Ach so, ja - Busfahrer soll es ja wegen "künstlicher Intelligenz und so" bald nicht mehr geben. Hüther verweist auf diese Veränderungen. Und weil das eventuell so kommen könnte (wenn nicht wie so oft alles doch ganz anders kommt), sollten wir offenbar heute schon all jene Berufe gering schätzen, bei denen Menschen einer nicht ganz so kreativen und kognitiv anspruchsvollen Arbeit nachgehen wie z.B.  Schlagzeuger oder Professoren. Eine Folge dieser Denkart könnte der sich weiter verstärkende Mangel an den sogenannten Fachkräften (Facharbeiter, Handwerker, Qualitätsdienstleister) sein. Und auch die Unzufriedenheit der verbliebenen Handarbeiter über mangelnde Wertschätzung von Menschen, die einfache Berufe als Beispiele für misslungene Potentialentfaltung betrachten. Wenn man es auf die Spitze treibt, dann kann man die Hüthersche Argumentation so aufziehen: Weil unser Bildungssystem vielen Kindern die Freude am Lernen verdirbt, bleiben diese dumm, arbeiten in langweiligen Berufen, sind unglücklich und trösten sich mit Konsum. Und weiter: Unser Leben ist (deshalb) so, wie wir es eigentlich nicht wollen.

Abgesehen davon lieferte mir jüngst eine Focus-Titelstory ein weiteres Gegenargument gegen die Logik der auf persönlichen Interessen basierenden Potentialentfaltung. Demnach sollen arbeitssoziologische Studien ergeben haben, dass Interesse und Potential nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen. Beispiel: Jemand kann sich für Musik interessieren, aber im Vergleich zu anderen (die sich nicht für Musik interessieren) über ein geringeres Potential verfügen. Sicher ist es wünschenswert, wenn Interesse und Potential im Gleichklang sind. Und sicher kann man davon ausgehen, dass sich Interesse günstig auf die Entwicklung des Potentials auswirkt. Aber: Wenn es denn wirklich um das Potential geht, dann ist sehr wohl auch der Fall möglich, dass ein Potential ungenutzt bleibt, weil das Interesse eben nicht da ist. Alles andere ist Wunschdenken.

Wenn wir Kinder laut Hüther nicht zum Objekt machen wollen, dürfen wir auch nicht ihr Potential fremd bestimmen und dessen Entfaltung lenken. Ganz sicher wurden ein Herr Mozart und viele andere Wunderkinder in ihrer Potentialentfaltung von außen gelenkt. Als Subjekte hätten sie sicher auch ganz gern Musik gemacht, aber nicht so exzessiv, dass sie das erreicht hätten, was sie durch die Lenkung (=zum Objekt gemacht worden) erreicht haben. Ja, ich weiß, Herr Hüther würde sich nciht scheuen, zu behaupten, dass diese Menschen deshalb unglücklich geworden sind.
Nur: Ein kindliches Subjekt hat ein Problem, wenn wir ihm die Entscheidung über seine Lerntätigkeit überlassen. Pädagogik ist dafür da, dem Kind genau das zu vermitteln, auf das es von selbst (in aller Regel) nicht kommt. Dort beginnt aber der Druck. Desweiteren wird eine Lernsache nur dann Früchte tragen, wenn sie mit einem kontinuierlichen Einsatz von Zeit und Energie bedacht wird, was leider eben nicht immer nur Spaß macht. Ohne Druck wird das Kind lernen, immer genau dann mit einer Sache wieder aufzuhören, wenn ein wenig mehr Mühe erforderlich ist, die aber dann zu einem erheblichen Fortschritt beitragen würde. Einen Stein aus dem Weg geräumt zu haben, macht auch Spaß, aber erst im Nachhinein. Kinder, die in der Lage sind, sich zu mühen, weil sie Belohnungen abwarten können, führen laut wissenschaftlichen Studien ein glücklicheres Leben.

Es ist nicht verwunderlich, dass bei den Menschen Aussagen gut ankommen, die doppeltes Glück verheißen: "Mache was Du willst (Glück) und Du wirst dafür belohnt (Glück)". Wenn ich ein Video drehen würde, in dem ich die Realität nicht weniger Menschen zum Credo machte, dann würde sich das ganz schlecht verbreiten, denn es sagte dies: "Strenge Dich an (Frust), aber Du wirst dafür nicht belohnt (Frust)." OK, die realistischste Aussage ist wohl diese: "Strenge Dich an (Frust), und Du wirst dafür belohnt (Glück)." Nur erregt diese Binsenweisheit keinerlei Aufsehen.
Und was gibt es schöneres als die frohe Botschaft aus dem Munde des Wissenschaftlers? Wie ich eingangs erwähnte, glaubt sich dies für einen Menschen des 21.Jahrhunderts einfacher als Pfarrers Predigt.

Nun, was könnte das alles mit Gitarrenpädagogik zu tun haben?
Wenn ich Hüthers Thesen folgen würde, müsste ich geschätzte 80% meiner Schüler "entlassen". Weder ihr Interesse, noch ihr Potential reichen dafür aus Musiker zu werden - Hobby- und Amateurmusiker eingeschlossen. Sie üben nicht oder wenig. Dennoch kündigen sie nicht. Vielleicht würden sie es tun, wenn sie beginnen Hüther-Videos zu schauen um fortan die Welt durch die Brille des  Potentialentfalters zu betrachten.
Aber vielleicht gibt es ja auch noch viele andere Gründe, etwas zu machen und daran festzuhalten, außer dass man damit seine Potentialentfaltung voran bringt. Vielleicht können Dinge ja auch Spaß machen ohne jegliche Ambition auf irgendeine Art von messbarem Erfolg. Ist es nicht so, dass Bewegung auch für Bewegungsmuffel gesund ist? Könnte es sein, dass Musik  auch Menschen gut tut, die untalentiert sind und nicht Musiker werden wollen, geschweige denn können?

Desweiteren: Wenn ich als Lehrer nicht festlege, was der Schüler zu können hat, scheiden jene 80% nach ein paar Monaten mit leeren Händen von selbst aus dem Unterricht. Dieser überwiegende Teil der Schüler ist nicht in der Lage in einem von Interesse und Leidenschaft geleiteten Selbststudium auch nur irgendwas vernünftiges zu lernen. Im Gegenteil: Ich spüre, wie dankbar die meisten für eine klare Ansage sind, für exakte und konsistente Inhalte, für Tests, für ein System aus Richtig und Falsch und für das gnadenlose Insistieren auf Pflichtwissen und -können. Ich spüre, wie nötig es ist, selbst die allereinfachsten Dinge exakt zu erklären.
Der Herr Professor ist vermutlich viel zu wenig in den Niederungen des Bildungssystems unterwegs. Nur so kann er glauben, dass irgendwas von selbst funktionieren könnte, wenn man es nur lässt. Ich werfe allen Professoren kollektiv vor, dass sie von Pädagogik fast nie Ahnung haben. Sie halten oft  selbstgefällige Vorlesungen, von ihren Studenten verlangen sie das Selbststudium und stehen maximal für Fragen zur Verfügung. Harte Prüfungen helfen, das Niveau durch Aussiebung der Versager in diesem System hoch zu halten. Ich habe nichts dagegen, aber bitte erzähle mir keiner dieser Herren etwas von Pädagogik - Hirnforschung hin- oder her. Da höre ich mal lieber auf  Ober- und Hauptschullehrer oder Grundschullehrer in Problemvierteln. Oder auf andere Gitarrenlehrer.

Es gibt zum Glück auch ein Gegengift auf Youtube: Harald Lesch über das Schulsystem ab 4:40 . Da spricht er über einen Kanon, der in der Allgemeinbildung Pflicht bleiben muss: Lesen, Schreiben, Rechnen auf einem unverhandelbaren Mindestniveau. Egal wie groß bzw. klein das Potential jeweils ist. Hüther spricht nicht von diesen Elementarfähigkeiten, aber genau dort sehen Lesch und ich keinen Spielraum für Wahlfreiheit und Experimente. Erwachsene haben das Recht und die Pflicht, ganz klare Ansprüche an die Kinder zu haben, was das Lernen betrifft. Wenn das aufgegeben wird, dann müssen wir leider damit rechnen, einem neuen Bildungs-Mittelalter entgegen zu gehen. Und es kann durchaus sein, dass das  Kohärenzstreben unseres Gehirns (Hüther) wieder ins Mittelalter führt. Wer sagt, dass der Grad unserer Zivilisation auch das beste für das Gehirn ist? Aber wir haben - egal wie unser Gehirn aufgebaut ist - das Recht zu entscheiden, was wir wollen und was nicht. Und unsere Kinder brauchen die von uns gezogene Linie. Zwei plus Zwei sind Vier, und wer was anderes sagt, sagt etwas falsches und kriegt keinen Punkt, auch keinen halben.

Hüther behauptet, dass unser (schlechtes) Schulsystem, den Kindern nach spätestens 2 Jahren den Spaß am Lernen verdorben hat. Ich behaupte, dass spätestens nach 2 Jahren die ersten abgehängt sind, weil ihnen die durchschnittliche Lerngeschwindigkeit zu hoch ist und Lücken angehäuft werden. Es ist wie beim Sportwettkampf, wer einmal hinten liegt, bräuchte eine enorme Kraftsteigerung, um wieder nach vorne zu gelangen. Auch psychologisch ist das schwer. Wer einen Lernstoff nicht verstanden und dies mit einer schlechten Note unter Beweis gestellt hat,  hat denkbar schlechte Ausgangsbedingungen, den nächsten Stoff besser zu verstehen.
Im Einzelunterricht habe ich den großen Vorteil, das Tempo der Schüler zu berücksichtigen. Deshalb muss ich keinerlei Kompromisse machen. Es wird solange eine bestimmte Sache behandelt, bis sie wirklich sitzt. Wir als Lehrer denken allzu oft, dass dem Schüler langweilig ist, wenn es uns langweilig ist. Vielmehr sollten wir darüber nachdenken, ob der Schüler nicht völlig überfordert ist, wenn es uns so richtig Spaß macht, unser Wissen im Schwall los zu werden. Pädagogik aber heißt: Einfühlungsvermögen in die Situation des Nichtwissers.

Das Wort Einfühlungsvermögen mag im Sinne Hüthers sein und könnte für einen versöhnlichen Schluss sorgen. Aber die Beobachtung meiner Schüler, das Einfühlen und die Erfahrungen im Unterricht sagen mir, dass das von Hüther zur Allzweckwaffe erklärte entdeckende Lernen nur ein Baustein von vielen im Unterricht ist. Für den einen mehr, für den anderen weniger. Für mich ist die Vermittlung grundlegender handwerklicher Fähigkeiten der Hauptschauplatz im Unterricht, die Führung leidenschaftlicher Lernentdecker eine Nebensache. Denn es gibt nicht viele davon, genau so wie es nicht viele Professoren und Profischlagzeuger gibt und geben kann und geben sollte.

PS: Dass ich auf diese Ansichten allein gekommen bin, aber offenbar damit nicht allein bin, sieht man hier , hier und hier .  Relativieren muss ich lediglich meine Aussage zu Professoren und ihrer mangelnden Ahnung von Pädagogik, denn Hüther ist kein ordentlicher Professor mit Lehrauftrag.

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