Lob des Auswendiglernens


Wissen ist nur dann zu gebrauchen, wenn man sich im entscheidenden Augenblick daran erinnert. Dazu muss man es auswendig beherrschen. Ob Tonnamen, Skalen oder Akkorde - die musikalische Leistungsfähigkeit steigt mit der Anzahl an auswendig beherrschten Inhalten. 

Der Ruf des Auswendiglernens ist etwas ramponiert. Auswendiglernen gilt speziell vor dem Hintergrund des reformpädagogischen Bemühens als eine fragwürdige Form des Lernens.
Vielleicht habe ich es an anderer Stelle schon erwähnt: So wie sich geschätzte 90% der verkauften Gitarrennoten an Anfänger richten, beschäftigt sich die Reformpädagogik zu 90% mit Lernanfängern - also mit Kindern. Es gibt deutlich mehr Grundschulen und Kindergärten mit alternativen pädagogischen Konzepten als solche Oberschulen oder Gymnasien, geschweige denn höhere Bildungseinrichtungen. Zu unrecht, wie ich meine, denn die eigentlichen Veränderungen im Zuge des Wissenszuwachses und der Spezialisierung betreffen ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Warum erwähne ich das?

Ich beobachte bezüglich des Auswendiglernens ein Paradoxon: Kleinen Kindern wird das Auswendiglernen zunehmend abgenommen. Großen Kindern und Jugendlichen wird es zumindest nahe gelegt. Im Grundschulalter werden strikte Abfrage-, Gedicht- oder Liedkontrollen zugunsten des verstehenden Lernens reduziert. Doch mit zunehmender Bildungsstufe wird das kurzfristige Auswendiglernen von Inhalten mit guten Zensuren belohnt. Stichwort: Bulimiewissen. Wohl kaum jemand wird diese Form des Lernens verteidigen, doch für die Schüler ist das "Für-Tests-Lernen" Realität. Das Problem beim Bulimiewissen ist nicht das Essen, sondern das Kotzen. Sprich: das schnelle Vergessen. Vergessen jedoch ist der Hauptfeind des Denkens und der Intelligenz. Man weiß ja, welche kognitiven Einbußen ein Mensch hat, der infolge einer Krankheit vergesslich wird.

Glaubt man Hirnforschern, dann funktioniert unsere Gehirn nicht wie ein klassischer Computer. Schauen wir uns den Computer an: Er arbeitet mit Daten (Festplatte/Arbeitsspeicher) und Rechenprozessen (Prozessor). Diese Zweiteilung kennt unser Gehirn nicht. Informationen und Prozesse sind eins. Es mag uns so vorkommen, dass wir Erinnerungen (Daten) haben, mit denen wir dann denken (Rechnen). Wir brauchen aber nur mal eine ganz einfache Rechenaufgabe nehmen: 2 + 2 . Die meisten Menschen haben sich nach mehr oder weniger langer Zeit gemerkt, dass 2 + 2 gleich 4 ist. Und auch , dass 6 + 5 gleich 11 und 20 - 5 gleich 15 ist usw.. Werden die Aufgaben unübersichtlicher, gelingt das nicht mehr. 222 geteilt durch 5. Und was machen wir, sofern kein Rechner zur Hand ist? Wir versuchen auf eben jene Ebene der einfachen, gelernten Aufgaben zu gelangen: Teilen also zunächst 200 durch 5, dann 20, dann 2 und summieren die Teilergebnisse. Alle 3 Einzelaufgaben werden durch memoriertes Wissen gelöst. Der Lösungsweg ist ein eingeübter Prozess, an den man sich erinnert und bei dem man sich an Aufgaben erinnert, die man schon einmal so gelöst hat.
Eine Abstraktion des Gehirns beruht auf abgespeicherten Mustern, also auf Erinnerungen an etwas, das vergleichbar mit dem jeweiligen Gegenstand ist. Je mehr Muster gelernt wurden (notwendigerweise auswendig), desto besser kann gedacht werden. Denken ist in dem Moment eine Art des Vergleichens dieser Muster, das in der Regel vollkommen unbewusst und schnell zu einem Resultat führt. Bewusstes Denken, z.B. das "Durchrechnen" von Zügen beim Schach, ist das Kombinieren dieser schnellen Erinnerungen, so wie die Lösung des obigen Rechenbeispiels. Wer viel Schach spielt, lernt nicht nur, die Komplexität dieser Kombinationen zu erhöhen, sondern er memoriert Situationen, Probleme, Lösungen, Reaktionen, Strategien usw.. Informatiker versuchen, dieses Prinzip des Lernens auf die Maschine zu übertragen. Und das pfeifen die Spatzen mittlerweile vom Dach: künstliche Intelligenz. Die Maschine gewinnt ihre Intelligenz durch Erinnerungen an jene Inhalte, mit denen sie "gefüttert" wurde.

Der Pädagoge muss erkennen, dass jegliche kognitive Leistungsfähigkeit auf dem Memorieren beruht. Und es ist leicht nachvollziehbar, dass man sich den mühsamen Weg des Memorierens lieber ersparen würde. Mit "man" meine ich den Lehrer und den Schüler gleichermaßen. Beide suchen nach Vermeidungsstrategien. Anstatt das "Auswendiglernen" (anderes Wort für Memorieren) zu verbessern und zu vereinfachen, vermeidet man es lieber, wo es nur geht. Es strengt den Lehrer schließlich auch an, seinen Schülern auf die Nerven zu gehen. 
Die Problematik solcher Vermeidungsstrategien verdeutliche ich meinen Schülern mit folgendem Vergleich: Wenn ein Lehrer die Schüler einer Schulklasse mit dem richtigen Namen ansprechen will, muss er die Namen lernen. Es ist sehr verständlich, dass der Lehrer diesen Anstrengung und auch  schlecht zu kalkulierenden Aufwand reduzieren möchte, aber er muss es tun. Eselsbrücken und Eselskrücken (also z.B. Namensschilder oder Sitzpläne) verzögern das Lernen eher als es zu fördern.

Für Musiker ist Auswendiglernen sehr wichtig. Es geht dabei nicht primär um das Auswendiglernen von Musikstücken, sondern um die Schnelligkeit beim Erfassen von Inhalten. Z.B. die Schnelligkeit, mit der Noten oder Akkorde identifiziert und umgesetzt werden können. Kennen Sie Schüler, die Noten nicht lernen sondern abzählen? Oder welche, die Griffe immer wieder vergessen? Oder kennen sie die Idee, das Auswendiglernen des Aufbaus der Kirchentonarten zu vermeiden, indem sie alles auf Dur zurückzählen (D-lydisch = A-Dur)?
Die Vermeidung des Beherrschens führt zu Verzögerungen. Da gespielte Musik jedoch eine zeitlich definierte Handlungssequenz ist, führen solche Verzögerungen zu Problemen und zwangsläufig zu Frust. Und zwar am Ende zu mehr Frust als dem des intensiven Paukens bzw. Übens.

Und Auswendiglernen muss gar nicht so anstrengend sein. Viele Menschen lernen schnell, wenn sie positive Emotionen mit dem Lerngegenstand verbinden. Das ist insofern problematisch, dass es gerade bei den wirklich wichtigen Inhalten schwer ist, echte positive Emotionen zu erzeugen. Deswegen muss noch nach anderen Wegen gesucht werden.
Ich verdeutliche das mal an einem Beispiel aus der Gitarrenlehrpraxis: Das Auswendiglernen des Griffbretts auf E- und A-Saite, also etwas, das man z.B. zur Ortung von verschiebbaren Akkorden benötigt.

Regel 1: Schritt für Schritt
Der Schüler lernt besser in Häppchen und vom Leichten zum Speziellen. Also erstmal nur die E-Saite einführen. Und erstmal nur die Stammtöne. Dann die A-Saite mit Stammtönen und erst später die durch Vorzeichen sich ergebenden Töne.

Regel 2: Andocken an Bekanntes
Der Schüler lernt schneller, wenn er das neue Wissen an bereits Bekanntes "andocken" kann. Das bereits bekannte sind in dem Fall die Zahlen. Nämlich die Zahlen der Bünde. Wenn ich abfrage, lasse ich mir immer Zahl und Tonnamen nennen. Oder ich frage nach dem Tonnamen in einem Bund oder umgekehrt nach dem Bund eines Tonnamens.

Regel 3: Muster/Metawissen/Querverbindungen aufzeigen
Wenn die E- und die A-Saite vorgestellt wurden, verweise ich auf die sich fast überall ergebenden Tonpaare auf E- und A-Saite, also z.B. A und D in der V. Lage. Solche Querverbindungen festigen das Wissen. Und das ist schon allein deswegen interessant, weil in der Praxis infolge des Quintfalls genau diese Grundtöne häufig nacheinander folgen. Man könnte das auch noch auf Nachbarschaftsverhältnisse auf einer Saite ausweiten: Wie heißen die Nachbartöne von A auf der E-Saite? Oder auch: Welche Töne sind nur einen Halbton voneinander entfernt?
    
Regel 4: Spiele, Aufgaben, Fragen, Tests, Experimente
Der Mensch spielt gern. Deswegen versuche ich mir so viel wie möglich Spiele und Aufgaben auszudenken, die eine abwechslungsreiche und unangestrengte Beschäftigung mit den Lerninhalten erfordern.

Regel 5: Wiederholung
Wenn etwas auswendig gelernt werden soll, dann nicht dazu, dass es wieder vergessen wird. Also muss es in Intervallen wiederholt werden. Mein Lehrplan sieht das eh vor. Der Schüler hat schon deswegen keine Chance zu vergessen, weil die Inhalte aufeinander aufbauen und immer wieder benötigt werden. Dennoch: Trauen Sie sich beharrlich zu sein!

Kurzum, es ist unrealistisch, auf Lernerfolge zu hoffen, die nicht auf dem Wege des Auswendiglernens entstehen. Sämtliche musikalische Leistungen basieren auf abrufbereiten und sicheren Mustern, Routinen und Informationen. Wer schnellt lernt und gut behält, wird auf lange Sicht nicht nur der bessere Musiker sein sondern eben auch der intelligentere Mensch.   



Das System von Richtig und Falsch

Im letzten Beitrag schrieb ich über einen Professor, den ich auf Youtube entdeckt habe, bzw. den der Algorithmus für mich entdeckt hat (warum auch immer). Und diesen Monat steige ich ebenfalls  mit einem Youtube-Phänomen in die Kolumne ein. Ich nenne dieses Phänomen "Numbered List of Dos, Donts & Facts". Kommt ihnen sowas hier bekannt vor?

"4 Dinge, die sie über Politiker wissen sollten"
"3 Tricks, mit denen Du jede Frau rumkriegst"
"Die 5 blödsten Fehler in Bohemian Rhapsodie"
"Diese 4 Fehler solltest Du bei einer Bewerbung nicht machen"
"3 Merksätze für den Weg zum Millionär"
"Die 6 Irrtümer über das Gitarre lernen"

Youtube ist ein mittlerweile hart umkämpfter Markt, in dem man nichts mehr dem Zufall überlassen kann. Das Medium ist schnell. Und es wird angesichts der Masse an Videos und der von den etablierten Schwergewichten ausgehenden Gravitation immer schwerer, Sichtbarkeit zu erzielen. Obwohl viele Videokonsumenten bei Youtube Zeit totschlagen  - wie früher beim Fernsehen - , spielt Zeit eine ganz wesentliche Rolle im Konsumenten-Verhalten. Weil permanent eine Liste nächster Videos zur Verfügung steht, wird Langeweile sofort mit Wegklicken bestraft,. Wer in einem sachbezogenen Video seine Information nicht auf den Punkt bringen kann, dem droht der Abbruch durch den Nutzer. Und weil das so ist, werben die Titel der Videos für ein rationalisiertes, klares Informationsangebot.
Die numerierte Liste symbolisiert Klarheit, Systematik und Reduktion auf das Wesentliche. Im Gegensatz dazu würde man mit Titeln wie "Jede Menge Tricks", "Allerlei Wissenswertes" oder "Alles zum Thema ..." dem Nutzer signalisieren, dass er bitte viel Zeit und viel Aufmerksamkeit einplanen sollte. Mag sein, dass man diese Zeit beim Bücherlesen aufbringen möchte, nicht aber bei Youtube. Komprimierte Information - das ist die eine Seite von "Numbered List of Dos, Donts & Facts". Die andere Seite ist etwas, das man negativ als Schwarz-Weiß-Malerei bezeichnen würde. Positiver gesehen wäre es eine Rot-Grün-Malerei, wobei Rot das Falsche (=Kreuz) und Grün das Richtige (=Häkchen) ist. Das Informationssystem kennt nur zwei Zustände - Eins oder Null: Richtig oder Falsch. Wir alle wissen, dass es in der Realität meistens nicht so einfach ist, die Dinge der einen oder anderen Seite zuzuschlagen. In der Informationsübertragung allerdings lieben wir die "klare Ansage".

Und damit hätten wir den Bezug zur Pädagogik allgemein und zur Musikpädagogik im besonderen hergestellt. Soweit ich weiß, geht die Erziehungswissenschaft davon aus, dass es für Kinder günstig ist, klare Regeln zu verinnerlichen. Erlaubt oder nicht erlaubt? Erziehung kann kaum mehr erreichen, als dass sich Kinder diese Frage vor oder spätestens nach Handlungen stellen können. Dazu muss allerdings ein System von Richtig und Falsch "installiert" sein.
Die Musik ist in erster Linie eine Kunst, keine Wissenschaft. Das macht Begriffe wie "System" relativ schwierig. Die sogenannte künstlerische Freiheit steht dem Gesetz und der Ordnung, also dem "Richtig" und "Falsch" eher konträr gegenüber. Die allgemeine Reformbewegung in der Pädagogik tut ihr übriges, denn sie sieht die individuelle Freiheit für pädagogisch zielführender an als demgegenüber die Unterordnung, geschweige denn die Strafe bei Verstößen.
Die Musikpädagogik neigt eher nicht zur Strenge. Unter anderem auch weil sie ja mittlerweile größtenteils privat organisiert ist. Aber jeder Berufsmusiker weiß, dass nur die systematische Strenge und eine gewisse Portion Zwang zu den Höchstleistungen in der Musik führt. Dennoch haben solche Begriffe wie z.B. "Russische Klavierschule" mittlerweile den faden Beigeschmack einer überholten Pädagogik. 
Ich habe in diesem Blog mehrfach dargelegt, dass die allermeisten Musikschüler keine  Berufsmusiker werden (können und wollen) und die Didaktik darauf Rücksicht nehmen sollte. Aber ich widerspreche, wenn dieser Gedanke zur Verdrängung von Regel, System und Gesetz führt. Ich stelle nach vielen Stunden Unterricht und vielen verschiedenen Schülern fest, dass der beste Weg zu nachhaltigem pädagogischen Erfolg ein Lernsystem ist, das exakt vorgibt, was richtig und erwünscht ist und was falsch und unerwünscht ist.

Machen wir es konkret und sprechen über einen Unterrichtsgegenstand, der in Bezug auf Richtig und Falsch besonders heikel ist: die Improvisation.
Ich beziehe das Improvisieren sofort bei der Einführung des Melodiespiels im Unterricht ein. Denn wer improvisiert, spielt mehr - und wer mehr spielt, spielt besser. Es herrscht nicht nur allgemeine Unsicherheit zu der Frage, ob man Improvisieren lernen kann, sondern auch darum, ob man eine Improvisation beurteilen kann bzw. darf.
Zweimal Ja. Es gibt gute und schlechte Improvisationen und man kann die notwendigen Fähigkeiten zur Improvisation schulen. Noch besser: Bei dieser Schulung tut man mehr für seine Musikalität als in allen anderen musikalischen Disziplinen (Noten lesen, Technik üben, Theorie usw.). Notwendig ist jedoch, dass vom Lehrer klar gesagt werden kann, was gut und was schlecht ist. Auf Youtube hieße das Video diesbezüglich also: "Die 7 Regeln für eine gute Improvisation", denn eine gute melodische Improvisation über eine Harmoniefolge hat:

1. einen quantisierten Rhythmus, weil sie
2. durch eine mindestens rhythmische Klangvorstellung im Kopf gesteuert wird;
3. sollte diese Rhythmik abwechslungsreich sein, wobei dies
4. dadurch unterstützt, dass man phrasiert;
5. besitzt eine gute Improvisation einen Spannungsbogen (z.B. Tonhöhe, Tondichte, Lautstärke);
6. sollte die Summe der Tondauer von jeweils harmonieeigenen Tönen mehr als 50% betragen, was
7. meist dadurch erreicht wird, dass man Zieltöne klanglich (voraushörend) einordnen kann.

Vermutlich gibt es noch  mehr "Dos" bzw. "Donts" in puncto Improvisation, aber allein diese 7 Listenpunkte verdeutlichen, dass man eine Improvisation systematisch bewerten kann. Nun ja - dem leidenschaftlichen "Bauchmusiker" wird sich der Magen umdrehen, wenn er hört, dass man die kreative Musik eiskalt vermisst und sogar noch mit richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht bewertet. Aber: Schule ist Schule und Leben ist Leben. Unterricht macht nur Sinn, wenn man davon ausgeht, dass ein niedrigeres Niveau durch ein höheres Niveau ersetzt wird. Dazu muss man sagen können, worin sich Niveaus unterscheiden. Unterricht ist sinnlos, wenn der Lehrer Gegebenheiten zur Kenntnis nimmt und sich nicht imstande sieht, daran etwas zu ändern, unter anderem deshalb, weil er weder ein System, noch Richtig und Falsch kennt oder weil er sich nicht getraut, Werte zu benennen. Hinter "Alles ist möglich" oder "Alles ist gut" steckt nicht selten einfach nur Unwissen über den Gegenstand.

Es bleibt der Schule nichts anderes übrig, als das Leben in eine Laborsituation zu zwängen. Das ist das System von Richtig und Falsch. Nur wenn der Schüler über ein so geordnetes Wissen und Handwerk verfügt, ist er frei genug, um kreativ zu werden. Andernfalls ist Kreativität das sprichwörtliche "Fischen im trüben Wasser", bei dem das sprichwörtliche "blinde Huhn auch einmal ein Korn findet".   


Von Schlagzeugern und Professoren - Kritik an Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther

Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther ist ein Youtube-Star. Das ist Grund für mich, seine gut klingenden Thesen ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Sind seine Ansichten für meine pädagogische Arbeit nützlich, geschweige denn mit meinen pädagogischen Erfahrungen vereinbar? 

Hirnforschung ist nicht nur für den pädagogisch tätigen Menschen ein spannendes Thema. Ich glaube, dass viele Menschen heutzutage vorzugsweise eine wissenschaftliche Erklärung für die Richtigkeit ihrer Handlungen und Ansichten haben möchten. Vermutlich laufen mittlerweile handfeste Hirnforschungsergebnisse der Philosophie, Religion und Psychologie ein wenig den Rang ab. Zumindest wäre das eine Erklärung dafür, warum auf Youtube Beiträge von Hirnforschern empfohlen werden, wenn man mal die Cookies (und damit den Blasen bildenden Algorithmus) ausgeschaltet hat.

Die Leute fressen Hirnforschern  aus der Hand. Erst recht, wenn diese dann noch ein großväterlich-weises Aussehen, eine spannende Biografie und eine warme Stimme haben. Und so ist Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther ein Youtube-Star, oder - wenn wir so wollen - gar ein Influencer für Intellektuelle. Ausgehend von den Ergebnissen der Forschung beantwortet er Fragen, die sich jeder selber oft stellt: Wie finde ich Sinn im Leben? Wie gelingt meine Beziehung? Oder auch: Wie werden aus meinen Kindern gescheite Leute? Auf die letzte Frage bezieht sich das Video, das ich meinen Ausführungen zugrunde legen möchte: Intelligenz & Kreativität ist kein Zufall: Wie Lernen erfolgreich gelingt  Wer keine Lust und keine Zeit hat, das Interview zu sehen - hier eine ganz kurze Zusammenfassung: Kinder dürfen in der Erziehung und der Bildung nicht zu Objekten gemacht werden. Dies geschieht aber, sobald Forderungen und Bewertungen aufgestellt werden. Unser Bildungssystem verdirbt den Kindern die Freude am Lernen und verhindert deren Potentialentfaltung. Damit sind die Kinder nicht vorbereitet auf eine Zukunft, in der menschliche Tätigkeit fast nur noch von Kreativität und Intelligenz bestimmt wird, weil Maschinen alles andere viel besser können. 

Ich habe durchaus Respekt vor Hüther, und in vielen Punkten sicher auch eine ähnliche Sichtweise. Zwar habe ich keine Ahnung von Neurologie, Psychiatrie usw., aber ich habe ein wenig Erfahrung mit der musikalischen Bildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Und deswegen erlaube ich mir mitzureden. Der Professor beschreibt ab der 35.Minute beispielhaft, dass jedes Kind Potentiale (Talente, Begabungen) besitzt, die es gilt heraus zu finden und deren Entfaltung man nicht im Wege stehen sollte. Wer würde das bezweifeln?
Es klingt so schön, wenn Hüther das freie Spiel der Kinder beobachtet, z.B. wie da einer auf den Töpfen trommelt: "Der könnte dann Schlagzeuger werden." Oder einer, der gerne experimentiert, wird später Professor. Vielleicht ist es unfair, Hüther beim Wort zu nehmen, aber: Ist es Zufall, dass dem Herrn Professor erstens Berufe einfallen und zweitens solch seltene wie Schlagzeuger oder Professor? Andersherum gefragt: Wie könnte man denn das kindliche Potential zum Busfahrerberuf entdecken? Gibt es dieses Potential überhaupt? Braucht man es, um Busfahrer werden zu können? Ach so, ja - Busfahrer soll es ja wegen "künstlicher Intelligenz und so" bald nicht mehr geben. Hüther verweist auf diese Veränderungen. Und weil das eventuell so kommen könnte (wenn nicht wie so oft alles doch ganz anders kommt), sollten wir offenbar heute schon all jene Berufe gering schätzen, bei denen Menschen einer nicht ganz so kreativen und kognitiv anspruchsvollen Arbeit nachgehen wie z.B.  Schlagzeuger oder Professoren. Eine Folge dieser Denkart könnte der sich weiter verstärkende Mangel an den sogenannten Fachkräften (Facharbeiter, Handwerker, Qualitätsdienstleister) sein. Und auch die Unzufriedenheit der verbliebenen Handarbeiter über mangelnde Wertschätzung von Menschen, die einfache Berufe als Beispiele für misslungene Potentialentfaltung betrachten. Wenn man es auf die Spitze treibt, dann kann man die Hüthersche Argumentation so aufziehen: Weil unser Bildungssystem vielen Kindern die Freude am Lernen verdirbt, bleiben diese dumm, arbeiten in langweiligen Berufen, sind unglücklich und trösten sich mit Konsum. Und weiter: Unser Leben ist (deshalb) so, wie wir es eigentlich nicht wollen.

Abgesehen davon lieferte mir jüngst eine Focus-Titelstory ein weiteres Gegenargument gegen die Logik der auf persönlichen Interessen basierenden Potentialentfaltung. Demnach sollen arbeitssoziologische Studien ergeben haben, dass Interesse und Potential nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen. Beispiel: Jemand kann sich für Musik interessieren, aber im Vergleich zu anderen (die sich nicht für Musik interessieren) über ein geringeres Potential verfügen. Sicher ist es wünschenswert, wenn Interesse und Potential im Gleichklang sind. Und sicher kann man davon ausgehen, dass sich Interesse günstig auf die Entwicklung des Potentials auswirkt. Aber: Wenn es denn wirklich um das Potential geht, dann ist sehr wohl auch der Fall möglich, dass ein Potential ungenutzt bleibt, weil das Interesse eben nicht da ist. Alles andere ist Wunschdenken.

Wenn wir Kinder laut Hüther nicht zum Objekt machen wollen, dürfen wir auch nicht ihr Potential fremd bestimmen und dessen Entfaltung lenken. Ganz sicher wurden ein Herr Mozart und viele andere Wunderkinder in ihrer Potentialentfaltung von außen gelenkt. Als Subjekte hätten sie sicher auch ganz gern Musik gemacht, aber nicht so exzessiv, dass sie das erreicht hätten, was sie durch die Lenkung (=zum Objekt gemacht worden) erreicht haben. Ja, ich weiß, Herr Hüther würde sich nciht scheuen, zu behaupten, dass diese Menschen deshalb unglücklich geworden sind.
Nur: Ein kindliches Subjekt hat ein Problem, wenn wir ihm die Entscheidung über seine Lerntätigkeit überlassen. Pädagogik ist dafür da, dem Kind genau das zu vermitteln, auf das es von selbst (in aller Regel) nicht kommt. Dort beginnt aber der Druck. Desweiteren wird eine Lernsache nur dann Früchte tragen, wenn sie mit einem kontinuierlichen Einsatz von Zeit und Energie bedacht wird, was leider eben nicht immer nur Spaß macht. Ohne Druck wird das Kind lernen, immer genau dann mit einer Sache wieder aufzuhören, wenn ein wenig mehr Mühe erforderlich ist, die aber dann zu einem erheblichen Fortschritt beitragen würde. Einen Stein aus dem Weg geräumt zu haben, macht auch Spaß, aber erst im Nachhinein. Kinder, die in der Lage sind, sich zu mühen, weil sie Belohnungen abwarten können, führen laut wissenschaftlichen Studien ein glücklicheres Leben.

Es ist nicht verwunderlich, dass bei den Menschen Aussagen gut ankommen, die doppeltes Glück verheißen: "Mache was Du willst (Glück) und Du wirst dafür belohnt (Glück)". Wenn ich ein Video drehen würde, in dem ich die Realität nicht weniger Menschen zum Credo machte, dann würde sich das ganz schlecht verbreiten, denn es sagte dies: "Strenge Dich an (Frust), aber Du wirst dafür nicht belohnt (Frust)." OK, die realistischste Aussage ist wohl diese: "Strenge Dich an (Frust), und Du wirst dafür belohnt (Glück)." Nur erregt diese Binsenweisheit keinerlei Aufsehen.
Und was gibt es schöneres als die frohe Botschaft aus dem Munde des Wissenschaftlers? Wie ich eingangs erwähnte, glaubt sich dies für einen Menschen des 21.Jahrhunderts einfacher als Pfarrers Predigt.

Nun, was könnte das alles mit Gitarrenpädagogik zu tun haben?
Wenn ich Hüthers Thesen folgen würde, müsste ich geschätzte 80% meiner Schüler "entlassen". Weder ihr Interesse, noch ihr Potential reichen dafür aus Musiker zu werden - Hobby- und Amateurmusiker eingeschlossen. Sie üben nicht oder wenig. Dennoch kündigen sie nicht. Vielleicht würden sie es tun, wenn sie beginnen Hüther-Videos zu schauen um fortan die Welt durch die Brille des  Potentialentfalters zu betrachten.
Aber vielleicht gibt es ja auch noch viele andere Gründe, etwas zu machen und daran festzuhalten, außer dass man damit seine Potentialentfaltung voran bringt. Vielleicht können Dinge ja auch Spaß machen ohne jegliche Ambition auf irgendeine Art von messbarem Erfolg. Ist es nicht so, dass Bewegung auch für Bewegungsmuffel gesund ist? Könnte es sein, dass Musik  auch Menschen gut tut, die untalentiert sind und nicht Musiker werden wollen, geschweige denn können?

Desweiteren: Wenn ich als Lehrer nicht festlege, was der Schüler zu können hat, scheiden jene 80% nach ein paar Monaten mit leeren Händen von selbst aus dem Unterricht. Dieser überwiegende Teil der Schüler ist nicht in der Lage in einem von Interesse und Leidenschaft geleiteten Selbststudium auch nur irgendwas vernünftiges zu lernen. Im Gegenteil: Ich spüre, wie dankbar die meisten für eine klare Ansage sind, für exakte und konsistente Inhalte, für Tests, für ein System aus Richtig und Falsch und für das gnadenlose Insistieren auf Pflichtwissen und -können. Ich spüre, wie nötig es ist, selbst die allereinfachsten Dinge exakt zu erklären.
Der Herr Professor ist vermutlich viel zu wenig in den Niederungen des Bildungssystems unterwegs. Nur so kann er glauben, dass irgendwas von selbst funktionieren könnte, wenn man es nur lässt. Ich werfe allen Professoren kollektiv vor, dass sie von Pädagogik fast nie Ahnung haben. Sie halten oft  selbstgefällige Vorlesungen, von ihren Studenten verlangen sie das Selbststudium und stehen maximal für Fragen zur Verfügung. Harte Prüfungen helfen, das Niveau durch Aussiebung der Versager in diesem System hoch zu halten. Ich habe nichts dagegen, aber bitte erzähle mir keiner dieser Herren etwas von Pädagogik - Hirnforschung hin- oder her. Da höre ich mal lieber auf  Ober- und Hauptschullehrer oder Grundschullehrer in Problemvierteln. Oder auf andere Gitarrenlehrer.

Es gibt zum Glück auch ein Gegengift auf Youtube: Harald Lesch über das Schulsystem ab 4:40 . Da spricht er über einen Kanon, der in der Allgemeinbildung Pflicht bleiben muss: Lesen, Schreiben, Rechnen auf einem unverhandelbaren Mindestniveau. Egal wie groß bzw. klein das Potential jeweils ist. Hüther spricht nicht von diesen Elementarfähigkeiten, aber genau dort sehen Lesch und ich keinen Spielraum für Wahlfreiheit und Experimente. Erwachsene haben das Recht und die Pflicht, ganz klare Ansprüche an die Kinder zu haben, was das Lernen betrifft. Wenn das aufgegeben wird, dann müssen wir leider damit rechnen, einem neuen Bildungs-Mittelalter entgegen zu gehen. Und es kann durchaus sein, dass das  Kohärenzstreben unseres Gehirns (Hüther) wieder ins Mittelalter führt. Wer sagt, dass der Grad unserer Zivilisation auch das beste für das Gehirn ist? Aber wir haben - egal wie unser Gehirn aufgebaut ist - das Recht zu entscheiden, was wir wollen und was nicht. Und unsere Kinder brauchen die von uns gezogene Linie. Zwei plus Zwei sind Vier, und wer was anderes sagt, sagt etwas falsches und kriegt keinen Punkt, auch keinen halben.

Hüther behauptet, dass unser (schlechtes) Schulsystem, den Kindern nach spätestens 2 Jahren den Spaß am Lernen verdorben hat. Ich behaupte, dass spätestens nach 2 Jahren die ersten abgehängt sind, weil ihnen die durchschnittliche Lerngeschwindigkeit zu hoch ist und Lücken angehäuft werden. Es ist wie beim Sportwettkampf, wer einmal hinten liegt, bräuchte eine enorme Kraftsteigerung, um wieder nach vorne zu gelangen. Auch psychologisch ist das schwer. Wer einen Lernstoff nicht verstanden und dies mit einer schlechten Note unter Beweis gestellt hat,  hat denkbar schlechte Ausgangsbedingungen, den nächsten Stoff besser zu verstehen.
Im Einzelunterricht habe ich den großen Vorteil, das Tempo der Schüler zu berücksichtigen. Deshalb muss ich keinerlei Kompromisse machen. Es wird solange eine bestimmte Sache behandelt, bis sie wirklich sitzt. Wir als Lehrer denken allzu oft, dass dem Schüler langweilig ist, wenn es uns langweilig ist. Vielmehr sollten wir darüber nachdenken, ob der Schüler nicht völlig überfordert ist, wenn es uns so richtig Spaß macht, unser Wissen im Schwall los zu werden. Pädagogik aber heißt: Einfühlungsvermögen in die Situation des Nichtwissers.

Das Wort Einfühlungsvermögen mag im Sinne Hüthers sein und könnte für einen versöhnlichen Schluss sorgen. Aber die Beobachtung meiner Schüler, das Einfühlen und die Erfahrungen im Unterricht sagen mir, dass das von Hüther zur Allzweckwaffe erklärte entdeckende Lernen nur ein Baustein von vielen im Unterricht ist. Für den einen mehr, für den anderen weniger. Für mich ist die Vermittlung grundlegender handwerklicher Fähigkeiten der Hauptschauplatz im Unterricht, die Führung leidenschaftlicher Lernentdecker eine Nebensache. Denn es gibt nicht viele davon, genau so wie es nicht viele Professoren und Profischlagzeuger gibt und geben kann und geben sollte.

PS: Dass ich auf diese Ansichten allein gekommen bin, aber offenbar damit nicht allein bin, sieht man hier , hier und hier .  Relativieren muss ich lediglich meine Aussage zu Professoren und ihrer mangelnden Ahnung von Pädagogik, denn Hüther ist kein ordentlicher Professor mit Lehrauftrag.

Die Schülertypen

Haben Sie, falls Sie musikpädagogisch tätig sind, schon so ein bisschen Menschenkenntnis in Bezug auf Ihre Schüler erworben? Es gibt eine ganze Reihe von psychologischen Modellen zur Einteilung der Charaktere von Menschen. Ich habe meine eigene in puncto Schülertypen und möchte sie mit mehr oder weniger ironischem Unterton zum Besten geben.

Der Chaosjunge

Dieser Typ ist vorwiegend männlich (logisch, daher der Begriff) und unter 18 Jahren alt. Er ist nett und kommunikativ, aber er ist unordentlich und unzuverlässig. Seine mangelnde Disziplin verhindert, dass sein meist durchaus vorhandenes musikalisches Potential genutzt wird. Er lernt am liebsten entdeckend und er lernt vorwiegend nur das, was ihn zufälligerweise interessiert. Darin kann er sich schnell festbeißen, und dann wundern Sie sich über sprunghafte Fortschritte. Das wichtigste für diesen Typ ist, dass Sie ihm seine (noch) mangelnde Disziplin nicht zum Verhängnis werden lassen. Stellen Sie sich vor, dass Sie diesen Schüler über Jahre "mitschleifen" in der Hoffnung, dass er vielleicht nach der Pubertät ein Interesse an Leistung entwickelt und strukturierter lernt. Ich habe Schüler gehabt, die im Anfangsunterricht völlig unauffällig waren und in dieser Kategorie landeten, dann aber nach Monaten oder Jahren mit einer Leistungsexplosion aufwarteten, weil ihr Interesse erwachte.

Antiautoritärer Autodidakt

Ähnlichkeiten mit dem Chaosjungen hat jener Typ, der meist als Autodidakt mit Vorkenntnissen zu Ihnen kommt. Auch er funktioniert nach dem Lustprinzip, aber seine Laune entscheidet nicht darüber, OB er was macht, sondern WAS er macht. Meist kommt er mit Vorkenntnissen zu Ihnen. Ein erstes schwieriges Problem ist, dass Sie Überzeugungsarbeit leisten müssen, wenn er bisher Falsches bzw. Unvorteilhaftes gelernt hat. Dieser Schülertyp kann mit falscher Technik durchaus besser spielen als andere mit richtiger Technik. Deswegen fällt die "Umerziehung" schwer. Kein anderer Schülertyp zweifelt so sehr an Ihrer Autorität wie der antiautoritäre Autodidakt. Er berichtet Ihnen oft von Youtube-Videos, von Gitarre spielenden Freunden und allen möglichen Informationsquellen. Und es geht immer genau nicht um das, was Sie aktuell im Unterricht für richtig und wichtig halten. Es nutzt meist wenig, wenn Sie diesem Schüler bei der Wahl des Lernstoffes entgegen kommen. Sobald für ihn der Druck der Pflichterfüllung entsteht, schwindet sein Interesse.
Unterrichtsstunden mit diesem Schülertyp sind relativ zusammenhanglose Einzelereignisse, die aber durchaus spannend und unterhaltsam sein können. Denn dieser Schüler ist kreativ, improvisiert gern und interessiert sich für praktische Tricks und Kniffe. Sie können es als Erfolg verbuchen, wenn sie diesen Schülertyp längere Zeit "bei der Stange halten" können und ihn nicht allzu schnell an den nächsten Kollegen verlieren.

Typ Einser

Im Gegensatz dazu ist der Einser sehr hörig. Der Einser macht in der Regel genau das, was Sie sagen. Wenn Sie sagen, dass er täglich 15 Minuten üben soll, dann übt er 15 Minuten. Seine Disziplin hat zur Folge, dass er sehr gute Leistungen vollbringt. Er hat Ausdauer, denn er weiß aus Erfahrung, dass sie sich lohnt. Meist ist er auch in der Schule und im Sport gut. Was er anfässt, wird zu Gold. Er muss nicht der geborene "Musikant" sein, um all jene zu überflügeln, die zwar hoffnungsvoll aber eben undiszipliniert starten. Falls Sie sich Gedanken um die Wahl Ihrer pädagogischen Mittel und Wege machen, dann macht dies vor allem bei diesem Schülertyp Sinn. Er erfüllt eben auch die etwas unangenehmen Aufgaben und arbeitet nicht vorrangig nach dem Lustprinzip.
Aber der Einser hat auch seine Defizite, an denen man arbeiten sollte. Es mangelt ihm beinahe zwangsläufig an Individualität und Kreativität. Ganz im Gegenteil also zum antiautoritären Autodidakten. Wenn ich merke, dass ich einen Einser "erwischt" habe, dann versuche ich ihn so schnell wie möglich zur außerschulischen Praxis (Band, Duo, Solo) zu ermutigen. Wenn er genügend Impulse aus der Praxis empfängt und sich von der Schultheorie freischwimmen kann, wird aus ihm ein guter und aktiver Musiker.

Die Schnecke

So wie der Chaosjunge vorwiegend männlich ist, ist die Schnecke vorwiegend weiblich. Und man kann sich leicht denken, wo der Knackpunkt bei diesem Schülertyp liegt. Es ist die extreme Langsamkeit der Fortbewegung. Und immer dann, wenn man glaubt, dass die Schnecke tot ist, bewegt sie sich plötzlich doch wieder ein kleines Stück vorwärts. Man hat bei der Schnecke zunächst den Eindruck, dass sie nie übt und dass sie niemals auch nur ansatzweise eine Musikerpersönlichkeit werden kann. Man würde am liebsten kündigen, wenn es so herum üblich wäre. Aber Schnecken kommen fast immer zum Unterricht. Und wenn es keinen triftigen Kündigungsgrund ihrerseits gibt, kommen sie auch (... Sie ahnen es ...)  sehr, sehr lange zum Unterricht. Deswegen staunen Sie vielleicht nach 4 Jahren, dass es die Schnecke doch weiter gebracht hat als so manche flinke Eintagsfliege. Die Schnecke ist ein Kaltblut, das sich bei ihnen wohlfühlt, wenn es sich einmal an Sie gewöhnt hat. Schrecken Sie sie bitte nicht auf, sondern geben Sie ihr die Ruhe, die sie braucht um ganz allmählich ein Stück ihres Weges zurückzulegen. Jeglicher Druck auf mehr Schnelligkeit bleibt eh meist folgenlos.

Das Heißblut

Demgegenüber existiert auch ein Heißblut. Vor allem was Kommunikation angeht. Das Heißblut reflektiert sich selbst und es reflektiert Sie und Ihren Unterricht. Es berichtet begeistert von seinen Fortschritten oder davon, dass es viel geübt hat. Dieser anfangs euphorische Typ wird sie loben und Ihnen das Gefühl geben, dass Sie alles richtig machen. Bis zu jenem Tage, an dem Sie relativ überraschend die Nachricht erhalten, dass irgendetwas im Leben des Schülers passiert ist, weswegen er den Gitarrenunterricht beenden muss. Manchmal gehen dem ein paar abgesagte Termine voraus. Manchmal ein paar Wochen ohne Üben (oft aus Zeitnot).
Ob dieser Typ eher männlich oder weiblich ist, kann ich nicht genau sagen. Aber bei mir ist dieser Schülertypus oft der Spezialtyp "Mutter" gewesen. Mütter sind stark belastet, speziell wenn sie arbeiten gehen (müssen). Sie haben folgerichtig die Absicht endlich mal etwas für sich zu tun. Dabei kommen sie eben auch auf die Idee, Gitarre zu lernen. Wenn die Umsetzung dieser Idee Gestalt annimmt,  tritt eine gewisse Euphorie ein. Diese wird allerdings mehr oder weniger stark von der allmählichen Erkenntnis gedämpft, dass man für das Gitarrelernen Zeit und Ruhe braucht. Das können Mütter meist nur schwer aufbringen.
Aber genauso gut kann der Typ "Heißblut" ein Berufstätiger sein, der bewusst oder unbewusst dem Burnout entgehen will. Das Resultat ist das gleiche. Der anfänglichen Euphorie folgt die Landung in der unverändert hektischen Realität. Ich kann diesen Typ an der Geschwindigkeit erkennen, in der er das Treppenhaus hoch läuft. Der Unterricht mit dem Heißblut hat daher manchmal etwas von Therapie. Stichwort: Achtsamkeit. Der Euphorische ist es gewohnt, alles schnell zu machen. Oft hört er gar nicht genau zu, was ich sage, sondern sieht nur die Aufgabe, welche er so schnell und so gut wie möglich erledigen will. Was oft zum Gegenteil führt. Dieser Schüler setzt sich unter Druck, und häufig ist er auch nervös beim Spielen und klagt darüber, dass die Leistung zu Hause ja viel besser war. Bei manchen dieser Schüler gelingt es mir den "Dampf" rauszunehmen und den Gitarrenunterricht tatsächlich als Ruhepol im Hochdruck-Alltag zu etablieren.


Wie gesagt, es ging hier weder um Vollständigkeit noch um Allgemeingültigkeit. Wie so oft, taugen solche Schemen allenfalls, die Mischung einer Persönlichkeit zu umreißen.
Wenn Sie noch ganz andere Schülertypen kennen, dann lassen Sie es mich mittels der Kommentarfunktion wissen.








Weihnachtszeit, schönste Zeit

Ich schätze, dass mir kein Instrumentalpädagoge widersprechen wird: Die Weihnachtszeit - genau genommen die Adventszeit - ist im Instrumentalunterricht die angenehmste und vielleicht auch produktivste Zeit im ganzen Jahr.

Die Symbiose von Weihnacht und Musik

Weihnachten und Musik gehören zusammen. Oder wie es Nietzsche vielleicht gesagt hätte "Ohne Musik wäre Weihnachten ein Irrtum". Kinder wachsen in aller Regel mit sehr positiven Gefühlen gegenüber Weihnachten auf, denn schließlich gibt es Geschenke. Später erwächst daraus in der Regel ein Gesamtpaket der Freude, in dem die Stimmung des Festes eine größere Rolle spielt. Musik ist darin tief eingewoben. Zum einen das Musikhören, aber zum anderen auch das Musikmachen - bei all jenen, die in irgendeiner Form musikalisch ambitioniert sind.
Ich frage meine Schüler, ob sie in der Vorweihnachtszeit etwas Weihnachtliches spielen wollen. Fast alle wollen das, sogar Jugendliche in der Pubertät. Die Weihnachtszeit scheint eine Zeit der musikalischen Motivation zu sein. Und damit ist sie ein Beispiel dafür, wie sehr ein aktiver, alltäglicher Umgang mit Musik die Menschen beflügeln kann, selbst musikalisch aktiv zu werden.

Die weihnachtliche Musizierpraxis

Die simpelste Form des aktiven Musizierens ist das Singen. Ich frage speziell die jüngeren Schüler, ob denn bei ihnen zu Weihnachten zu Hause gesungen wird und sie dabei als Gitarrenbegleiter fungieren können. Die Antworten sind gemischt - von "gar nicht" bis "auf jeden Fall". Großeltern zeigen sich meist sangesfreudiger als Eltern. Mütter wiederum sangesfreudiger als Väter.
Ich finde es wesentlich schöner, wenn alle gemeinsam musizieren. Ungünstig finde ich, wenn das Kind traditionell zu Weihnachten (vor dem Weihnachtsmann) solo beweisen muss, dass sich die Musikschulgebühren gelohnt haben.
Zu Weihnachten werden von den Älteren vorhandene Instrumente und Noten entstaubt. Liederalben mit Weihnachtsliedern werden durchgespielt. Mitunter entstehen kleine Sessionbands aus Sängern, Instrumentalisten und Begleitern. Eine wirklich gute Sache, die in anderen Musikkulturen und Musikzeiten das ganze Jahr über selbstverständlich ist.
Zudem geht eine große Zahl von "Kirchenmuffeln" zu Weihnachten in die Kirche und wird dort sozusagen mit Live-Musik konfrontiert, speziell mit dem Gesang der Gemeinde.

Der weihnachtliche Liederschatz

Die weihnachtliche Liedgutkenntnis ist im Vergleich zur Volks- und Kinderliedkenntnis besser. Allerdings sind manche Lieder aus der zweiten Reihe und mit starkem christlichen Bezug gänzlich unbekannt, die mir persönlich als Kind (DDR!) sehr geläufig waren - z.B. "Kommet ihr Hirten" oder "Ihr Kinderlein kommet". Aber die deutschen Klassiker "Stille Nacht", "O Tannenbaum" und "Leise rieselt der Schnee" sind nach wie vor bekannt und beliebt. Eins der bekanntesten Weihnachtslieder unter Kindern ist jedoch die "Weihnachtsbäckerei" von Rolf Zuckowski. Vermutlich weil es in Kindergärten oft vorgestellt wird. Hinzukommen Radio-Hits wie "Last Christmas" oder englische Klassiker wie "Jingle Bells". Wie im Musikunterricht in der Schule das ganze Jahr über üblich, wendet man sich auch zu Weihnachten vom klassisch deutschen Liedgut ab und schwenkt eher Richtung U-Musik. "Let it snow" oder "Little Drummer Boy" laufen den deutschen Klassikern den Rang ab.
Die Kenntnis von Liedern hat nicht nur eine größere Motivation zur Folge, sondern auch einen schnelleren Zugang zum Spielen. Der Rhythmus der Melodie ist bekannt und muss nicht erarbeitet werden. Falsch geübte Töne sind eher ausgeschlossen, da der Tonhöhenverlauf vom Ohr kontrolliert werden kann.
Weihnachtslieder haben nicht das leidige Textproblem der Volkslieder aus vorangegangenen Jahrhunderten, in denen "Mägdelein herzallerliebst um den Lindenbaum tanzen". Die Weihnachtstexte wirken nicht altbacken. Und das auch, weil sich Weihnachten selbst als ein Fest der Tradition und der alljährlichen Rituale behauptet hat. Wobei das Wort "Fest" durchaus auch für "fest" im Sinne von "es war, es ist so und es bleibe so" verstanden werden kann.

Weihnachten für Fortgeschrittene

Weihnachtslieder sind ein hervorragendes Studienobjekt. Die Vielfalt der geläufigen Weihnachtslieder macht formale Analysen interessant. Wo kommt ein Lied her? Wann ist es entstanden? Was gibt es daran zu entdecken? Wie ist es einzuordnen?
Ich finde es gut, wenn ein fortgeschrittener Schüler ein versierter Begleiter ist und ein gewöhnliches Weihnachtsliederalbum  mehr oder weniger vom Blatt begleiten kann. Dazu ist ein gewisses Stilgefühl innerhalb des Weihnachtsthemas nützlich. "Kling Glöckchen ..." bedarf einer anderen Begleitung als "Es ist ein Ros' entsprungen". Hier die richtigen Mittel ohne Hilfe zu finden, ist eine Herausforderung.
Die Weihnachtszeit ist Blattspielzeit: Mal schnell eine Melodie spielen. Mal schnell eine Begleitung in der Text-Akkord-Schreibweise improvisieren. Oder gar mal schnell ein Leadsheet in eine mehrstimmige Bearbeitung verwandeln. In dem Falle hilft "viel" viel. An möglichst vielen Beispielen versuche ich praktische Aufgaben zu stellen, deren Nützlichkeit dem Schüler sofort klar ist.

Weihnachten ist Prüfungszeit

Anhand ganz praktischer Einsatzbeispiele kann ich als Lehrer zur Weihnachtszeit den Leistungsstand des Schülers überprüfen. Kann er eine Melodie vom Blatt spielen? Kennt er alle Akkorde einer Begleitung? Sind passende Begleitpattern abrufbereit?
Ich bin manchmal negativ überrascht, wie schnell Lerninhalte durch die Progression des Unterrichts wieder in Vergessenheit geraten. Die Weihnachtszeit bietet die Möglichkeit der Auffrischung. Mein Lehrziel ist einer Musikerpersönlichkeit, die etwas (und ist es noch so wenig) wirklich richtig kann, und nicht alles mögliche nur so ein bisschen kann. Ich weiß, dass viele Schüler aus diversen Gründen nur ein relativ geringes Level erreichen können, aber dieses Level muss dann auch gesichert sein, damit Musizieren möglich wird. Drei Akkorde reichen für ein kleines Weihnachtsprogramm - und das kann jeder auch ohne viel Üben erreichen und für sein ganzes Leben behalten.
Wenn ein Schüler irgendwann den Unterricht aufgibt, später aber trotzdem alljährlich zu Weihnachten seine Gitarre aus dem Schrank holt und für sangesfreudige Familienangehörige begleitet, dann habe ich nicht nur das menschenmögliche als Lehrer getan, sondern ich habe das Maximum dessen erreicht, was bei den allermeisten möglich ist.

Allen, die diese Zeilen in der Weihnachtszeit lesen, wünsche ich "Frohe Weihnachten" und allzeit eine entspannte musikpädagogische Adventszeit.





Trotz Üben schlechter werden?

Welcher Musiker hat das nicht schon einmal festgestellt? Man übt fleißig und dennoch kommen immer wieder Phasen, in denen man den Eindruck hat, eher schlechter als besser zu werden. Ich möchte ein paar Gründe vorschlagen, warum das keine Einbildung ist bzw. wenn doch, woher die Einbildung kommt.

Bibliotheksmanagement

Zu einem bestimmten Teil, ist die Gefühl schlechter zu werden keine Einbildung, sondern eine Phase im Prozess des Erwerbs von Wissen und Können.
Ich habe mal irgendwann und irgendwo gelesen, dass der Umgang des Gehirns mit Lerninhalten den Vorgängen in einer Bibliothek gleicht. Vielleicht habe ich es mir auch selbst ausgedacht, ich weiß es nicht. Da gibt es eine Bücherausgabe - das ist sozusagen unser Bewusstsein, dass gelernte Inhalte (Wissen, Können, Erinnerungen, Assoziationen) ausgibt. Sei es als reale Handlung (z.B. Sprechen, Musizieren) oder nur als Gedanke (Vorstellung). Desweiteren gibt es ein riesiges Lager, in dem Bücher (Informationen) mehr oder weniger geordnet gelagert werden. Dieses riesige Lager ist viel größer als man es an der vergleichsweise kleinen Bücherausgabe vermuten würde. Ich bin sogar der Meinung, dass sämtliche Informationen unseres Lebens im Lager archiviert werden. Allerdings sind die meisten davon nicht ausleihbar. Sie gehen ins Archiv und werden nie wieder angesehen. Für unsere intellektuellen Leistungen sind die ausleihbaren Bücher wichtig. Nicht nur die Menge der ausleihbaren Bücher, sondern auch die Geschwindigkeit und die Zuverlässigkeit, mit der an der Ausleihe die gewünschten Bücher aus dem Lager beschafft werden können. Relativ häufig müssen die Mitarbeiter an der Theke sagen: "Wir haben zu Ihrer Anfrage kein ausleihbares Buch gefunden." Was nicht heißt, dass das gewünschte Buch nicht vorhanden wäre. Uns interessieren die Bücher, die  vorübergehend als nicht ausleihbar gemeldet werden. Z.B. wenn das Buch gerade irgendwo im System unterwegs ist. Manchmal passiert das mit den Büchern, die viel ausgeliehen werden. Manchmal passiert das mit Büchern, die neu sind und noch einen passenden Standort suchen. Manchmal ist sich die Bibliotheksleitung auch noch nicht sicher, ob das Buch ausleihbar sein soll oder nicht.
Ich will sagen, dass es beim Erwerb von Wissen und Können so etwas wie eine instabile Phase gibt, in der das Gehirn testet, ob es einem gewissen Inhalt den Status der "Ausleihbarkeit" verleihen soll oder ob es im Archiv verschwindet. In so einer Phase haben wir schlimmstenfalls das Gefühl, dass ein schon beherrschter Inhalt wieder weg ist und dass sich unsere Leistung dahingehend verschlechtert hat. Bleiben wir beim Beispiel der Bibliothek: In dieser Phase ist es besonders wichtig, dass dem Management der Bibliothek die hohe Nachfrage mit Nachdruck klar gemacht werden muss, damit die Entscheidung für die Ausleihbarkeit schnell gefällt wird und positiv ausfällt. Das  retardierende Moment im Prozess des Wissenserwerbs ist sozusagen die Prüfphase vor der Zulassung. 


Mit dem Können steigt der Anspruch

Zu einem gewissen Teil ist das Gefühl, schlechter zu werden, allerdings tatsächlich eine Einbildung. Das stellt sich spätestens dann heraus, wenn ein objektiver Beobachter, wie z.B. der Gitarrenlehrer, zu einem anderen Urteil kommt. Ein Grund für diese Selbsttäuschung ist, dass mit den Fähigkeiten auch die Ansprüche wachsen. Oder anders gesagt: Ein steigender Anspruch ist ein untrügliches Zeichen für Fortschritte. Er ist Bestandteil des steigenden Niveaus. Ich habe letztens ein Lehr-Interview von Steve Vai gesehen. Er hat darin den Schüler aufgefordert, auf einen schönen Ton zu achten, auf ein exaktes Timing und auf die Qualität der Musik. Das ist völlig richtig. Allerdings finde ich, dass sein persönlicher Anspruch an Qualität ein wesentlicher Bestandteil seines musikalischen Niveaus ist. Ein Anfänger hat deutlich geringere Ansprüche an Klang, an Timing und musikalischem Reichtum. Es wäre schlichtweg unerträglich für einen Anfänger, wenn sein Anspruch bereits auf professionellem Niveau wäre, seine Leistung jedoch auf Anfängerniveau. Die Unzufriedenheit mit sich selbst, ist - sofern unbegründet - ein gutes Zeichen. Und sie ist bestenfalls ein Ansporn zu weiterer Arbeit. Es ist so, wie das der Börsenliterat Kostolanyi einst über das Verhältnis zwischen  Börse und Wirtschaft schrieb: Die Börse ist wie ein Hund an der Leine, mal rennt er voraus und mal hängt er hinterher. Genauso ist es mit dem Anspruch an seine Leistung. Ist der Anspruch niedriger als die Leistung , ist man überrascht über sich selbst und erfreut. Das passiert vielen Schülern meist dann, wenn sie nicht geübt haben - z.B. nach einem Urlaub. Ist aber der Anspruch hoch, z.B. weil sie viel geübt haben, dann hat es die Leistung schwerer mitzuhalten. 


Mit dem Können steigt die Urteilsfähigkeit

Bei dem Interview mit Steve Vai fiel mir auch ein, dass ein nicht ganz so guter Musiker die Qualität seiner Leistung nicht ganz so gut beurteilen kann. Die Urteilsfähigkeit ist ebenso fest an das Leistungsniveau gebunden wie der Anspruch. Ich erlebe es relativ häufig, dass Schüler ihre Fehler nicht bemerken bzw. erst dann, wenn ich sie darauf aufmerksam mache. Genau dafür ist der Gitarrenlehrer da. Wenn der Schüler jedoch Fortschritte macht, wird er automatisch sensibler für die Qualitätsmerkmale. Und er wird sicherer im Urteil über Qualität. Er beurteilt sich selbst kritischer. Und auch hier spaziert der Hund an der Leine vor und zurück. Es kann passieren, dass die Urteilsfähigkeit der Leistungsfähigkeit voraus eilt und dass die Folge jenes Gefühl des Schlechterwerdens ist. Und auch hier ist der Hund schon dort, wo das Herrchen bald sein wird. Vorausgesetzt es geht weiter und lässt sich nicht entmutigen durch die Einbildung, dass Üben eigentlich nichts bringt. 


Üben macht Druck

Üben ist in der Regel die Vorbereitung auf den nächsten Unterrichtstermin. Viele üben nur am Vorabend der nächsten Stunde. Das ist ja schon mal was, wenn auch zu wenig. Manche üben aber tatsächlich fast jeden Tag. Vielleicht freuen sie sich dann viel mehr auf den nächsten Unterricht, denn sie kommen gut vorbereitet. Vielleicht aber haben sie auch etwas Angst, dass der Lehrer bei einer schlechten Leistung denken könnte, dass sie nicht geübt haben. Es entsteht also ein gewisser Druck aus der Tatsache, dass man den Unterricht und das Üben ernst nimmt. Dieser Druck kann zu einem gewissen Teil zu einem Leistungsdefizit im Unterricht beitragen - Stichwort Lampenfieber. Vielleicht haben Sie auch manchmal so ein komisches Gefühl, wenn Sie nach einem Einkauf am Ausgang durch die Diebstahlkontrolle laufen? Es könnte piepsen, obwohl Sie der ehrlichste Mensch der Welt sind. So ungefähr geht es dem vorbildlich übenden Schüler manchmal. Seine Gewissenhaftigkeit macht ihm Druck. In dessen Folge können Verkrampfungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Schusselfehler entstehen, die dem Gefühl Vorschub leisten, dass das viele Üben nichts gebracht hat. 


Hinter dem Horizont lauert der Horizont

Wenigstens beim Blick zurück sollte sich beim Schüler das Gefühl einstellen, einen Weg zurück gelegt zu haben. Beim Blick nach vorn ist das manchmal schwierig. Speziell dann, wenn hinter dem Horizont auch nur wieder der Horizont auftaucht. So relativiert sich der zurückgelegte Weg. Das kann zumindest zu der Empfindung beitragen, dass man trotz Übens nicht voran kommt. Das ist noch nicht ganz so schlimm, wie wenn man glaubt, schlechter zu werden. Aber auch im Alltag stellt sich meist nach einem Erlebnis des Vorankommens irgendwann die Ernüchterung angesichts des noch nicht Erreichten ein. Das kann beim Musizieren dazu führen, dass man die Lust verliert. Für den Gitarrenlehrer und auch für den Lehrbuchautor ist es wichtig zu bedenken, dass der Blick des Schülers möglichst nicht allzu oft auf den Horizont, sondern nur auf das nächste Etappenziel gerichtet sein sollte. Ich finde z.B. Gitarrenschulen mit mehr als 50 Seiten kontraproduktiv. Stücke müssen so gewählt sein, dass sie innerhalb von maximal 4 Wochen Übezeit musikalisch zu bewältigen sind. Besser noch, der Schüler kann sie bei der ersten Sichtung schon mal langsam vom Blatt spielen. An anderer Stelle verwies ich darauf, dass der Schüler eh immer das am meisten spielt (und damit übt), was er am besten kann. Umso besser, wenn der Zugang zum Stück leicht ist.


Üben ist nicht gleich Üben

Ja, es gibt "falsches Üben", das letztlich zu objektiv feststellbarer Leistungsminderung führen kann. Man kann seine Fehler kultivieren, indem man sie immer und immer wieder wiederholt. Das passiert Autodidakten häufig. Es passiert aber auch Schülern, die nicht richtig hingehört haben, wie sie üben sollen. Oder es passiert Schülern, denen der Lehrer nicht zeigt, wie man richtig übt. Falsches Üben ist beispielsweise unsauberes bis fehlerhaftes Spiel infolge von zu großer Geschwindigkeit. Ich lege sehr viel wert darauf, dass die Schüler in der Lage sind, Tempi erstens aufzunehmen und zweitens beizubehalten. Desweiteren bewerte ich ein langsam und richtig gespieltes Stück deutlich positiver als ein zu schnell und fehlerhaft gespieltes Stück.
Das Spielen mit fehlerhafter Technik kann ebenfalls dazu führen, dass Fleiß nicht mit Leistungssteigerung belohnt wird. Schlimmstenfalls gar mit Verletzungen wie der gefürchteten Sehnenscheidenentzündung.

Das sind also gleich 6 mögliche Ursachen für das zum Glück vorüber gehenden Gefühl, dass Üben nichts bringt oder eben zur Leistungsminderung führt. Von den psychologischen Ursachen für eine generell zu kritische Sicht auf die Dinge mal ganz abgesehen. Es gibt im Leben und auch in der musikalischen Entwicklung immer retardierende Momente, Misserfolge, Durststrecken, Pleitewellen. Das zu überwinden ist in meinen Augen die größte Leistung des späteren Meisters.


Was war zuerst da - Melodie oder Harmonie?

Die Archäologie wird nie eine sichere Antwort auf die Frage geben können, wie unsere Vorfahren den musikalischen Klang erfanden. Ich behaupte deswegen frank und frei, dass die Melodie aus der Harmonie geboren wurde und nicht umgekehrt - wie man es gerade aus didaktisch geprägter Sicht sehen würde. 

Was war zuerst da - Melodie oder Harmonie? "Was für eine komische Frage" werden Sie denken. Und wie immer lehne ich aus Zeitgründen eine umfangreiche Recherche zu dem Thema ab. Theorien über die Entstehung von Musik und ihrer Struktur lassen sich eh nicht archäologisch nachweisen. Wir haben es mit Vermutungen zu tun, die letztlich aber immer auch Annäherungen aus unserer Gegenwart sind. Solche Annäherungen sind meist gefärbt durch unser heutiges Verständnis von Musik und unsere Musikpraxis. Ich kann es nicht belegen, aber ich schätze, dass man sich im allgemeinen zum Werdegang der Musik folgendes vorstellt: Zunächst hat der einzelne Mensch seine Fähigkeit zum Singen entdeckt, und dann vielleicht in Nachahmung von Vogelgesängen Melodik entwickelt. Dann kamen andere hinzu und man hat im Zusammenklang des Gesangs mehrerer Menschen die Harmonie entdeckt. Harmonien würden sich demnach also aus der Summe von  Melodien ergeben. Klingt plausibel. Ich behaupte aber das Gegenteil.

Schauen wir uns Musik einmal von der naturwissenschaftlichen Seite an, dann bekommen wir schnell ein Problem mit den Begrifflichkeiten. Physikalisch gesehen gibt es nämlich in der Natur keine Melodien, sondern nur harmonische Klänge. Eine Melodie im menschlich-musikalischen Sinne ist eine Abstraktion. Die Abstraktion besteht darin, dass man einem Klang eine Frequenz zuschreibt. In einer Melodie wertet man die Änderung dieser Frequenz aus. Für den Umrechnungsprozess eines Klanges in einen Ton ordnet das Ohr bzw. das Gehirn den gehörten Klang einer Grundfrequenz zu. Je nach Klangspektrum kann das sehr leicht (Sinusoszillator) sein oder auch absolut unmöglich (Rauschen). Wer einen additiven Synthesizer bedient, kann direkt nachvollziehen, wie fließend die Grenzen bei der Addition reiner Sinusschwingung zwischen obertonreichen Tönen, Harmonien und bloßen Geräuschen sind.  Die Theorie hinter diesem Syntheseprinzip ist die Fourier-Transformation, nach der jeder Klang als Summe vieler einzelner Sinuswellen dargestellt werden kann. Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ist jeder von uns als Ton identifizierbare Klang also bereits eine Harmonie - eine Mischung einzelner Wellenlängen (Einzeltöne). Eine Melodie ist demzufolge in der Natur immer die Abfolge von Harmonien.

Doch dieses Problem mit den Begriffen ist nicht der wesentliche  Teil meiner Argumentation. Ich möchte zunächst einen Unterschied zwischen einer musikalischen Melodie und einer chaotischen  Melodie machen. Wenn ein Mensch spricht, könnte man einen Tonhöhenverlauf ermitteln, für den der Namen Sprachmelodie zutreffend ist. Diese Melodie ist im Grunde ungeordnet, also chaotisch. Eine musikalische Melodie, also eine Melodie, die notierbar ist bzw. in prähistorischer Zeit sanglich reproduzierbar sein musste, folgt aber sehr wohl einer Ordnung - der Ordnung von Tonleitern. Tonleitern sind eine nicht ganz zufällige Auswahl bestimmter Grundfrequenzen, die für den Bau von Melodien zur Verfügung stehen.  Die Oktave als Rahmenintervall einer Tonleiter ist beispielsweise eine mathematisch leicht erfassbare Größe, denn sie ist die doppelte Schwingungsanzahl des Grundtons. Wohl kaum werden prähistorische Menschen einen Weg gekannt haben, mathematisch-physikalische Gesetze in Klang zu verwandeln. Sollten sie von allein (also monophon) von der mehr oder weniger chaotischen Tonhöhenänderung ihrer Lautfolgen oder ihrer Vogelnachahmung auf die Ordnung in Tonleitern gekommen sein? Oder ist es nicht viel naheliegender, dass sie die Intervalle der Tonleitern nur im Zusammenklang - also in der Resonanz - erfinden konnten? Und wie wahrscheinlich ist es, dass ein solcher Zusammenklang im bunten Gezwitscher von Vogelsängern entdeckt wurde? Wohl eher gering.

Ich glaube, dass der Beginn der Melodik - so wie wir sie kennen - nicht in der chaotischen Melodie zu suchen ist, sondern dass dafür als erstes die Entdeckung des gleichbleibenden Tons bedeutsam war. Genau das Gegenteil also der Tonhöhenänderung, die Melodie ausmacht. Stellen Sie sich ein "Ommm" oder eine "Hejahoa"vor, vielleicht auch ein monoton gesprochenes Mantra. Die erste melodische Erfahrung ist der harmonische Klang der eigenen Stimme, in dem Moment wo die Stimmlippen Resonanz finden in der Balance von gezielter Luftzufuhr und Muskelspannung. Und auf einen solchen Ton schwingt sich ein zweiter Mitmensch ein. Der Gleichklang verbindet. Von da ist es nicht mehr weit zur Entdeckung reiner Intervalle wie der schon genannten Oktave. Die Oktave muss man schon allein bei der Begegnung von Frauen- und Männerstimme entdecken. Oder der reizvoll stabile Klang von Quinte und die Quarte. Meine Vermutung ist, dass die Wahrnehmung dieser speziellen Resonanzen und Interferenzen den Aufbau von Tonleitern und damit die Grundlage für die Melodie schuf . Stichwort: Bordun. Das Experimentieren beginnt, wenn ein Sänger den Ton beibehält und ein zweiter zwischen gut klingenden Intervallen wechselt. Somit wird die musikalische Melodie aus der harmonischen Erfahrung geboren. Die Monophonie also aus der Polyphonie. Kompakt gesagt: Als erstes entdeckt der Mensch die Harmonie des stabilen Tons; als zweites dann die Harmonie mehrerer stabiler Töne; als drittes die Wirkung der Tonhöhenänderung über einem Bordun und damit die Tonleiter. Erst durch die Tonleiter kann eine musikalische Melodie entstehen, vorher gab es keine Musik sondern nur Lautmalerei, die maximal imitiert werden konnte.

Gerade den Musikpädagogen ist der Blick auf diese Möglichkeit der Musikwerdung ein wenig verbaut, denn ihre Aufgabe ist es, das (mehr oder weniger) fertige System der tonalen Musik zu vermitteln. Beim methodisch-didaktischen Gang durch dieses fertige Gebäude kommt man leicht auf die Idee, dass sich die Werdung der Musik so zugetragen haben könnte, wie sie der Schüler am besten und schnellsten begreift. Der Schüler wird sozusagen zum Sinnbild jenes gedachten "Urmusikers". Allein der Gedanke, dass einzelne Erfinder am Werk waren, ist eine von unserer individualistischen Denkweise gefärbte Idee. Musiker sind ja wie besessen vom Glauben an das alles überragende Genie - schlimmstenfalls an ihr eigenes. Doch nicht das Genie bewegt die Entwicklung, sondern die Entwicklung bewegt das Genie. Für den Menschen ist es nur einfacher, es andersherum zu sehen. Erfindung und  Entwicklung ist stets ein kollektiver Vorgang, denn immer basiert er größtenteils auf Fremdleistung. Man würde heute von der "Vernetzung von Gehirnen" sprechen, die infolge der Entwicklung einer Schriftsprache über die Ebenen von Raum und Zeit hinaus ragt. Bildung ist nichts anderes als die Begegnung mit längst toten oder noch lebenden Geistern.

Es stellt sich die Frage, ob man meine Vermutung zur Entstehung von Melodik eventuell nutzbringend in die Didaktik einbauen könnte. Ich denke: Ja. Die Gitarre eignet sich sogar  hervorragend. Vermutlich war es ein Saiteninstrument, anhand dessen die Physik von Tonleitern nachvollzogen werden konnte - auch hier ein Stichwort: Monochord. Ich lasse die Schüler die E-Dur- und E-Moll-Tonleiter auf der hohen e-Saite bei gleichbleibendem Daumenbass auf dem tiefen E spielen. Die klangliche Wirkung der einzelnen Stufen ist dadurch schön erfahrbar, und die Struktur von Halb- und Ganztönen kann nicht besser sichtbar werden.

Fassen wir zusammen: Nur im Zusammenklang konnten sich im Laufe der Musikentwicklung feste Stufen von Tonleitern verifizieren lassen. Tonleitern sind die Grundlage für die musikalische Melodie, die sich von der chaotischen Melodie - z.B. der Sprachmelodie oder der Melodie von Vogelrufen - unterscheiden. Nicht ein einzelner Mensch hat die Melodik erfunden, sondern ein Chor von Menschen, die im Zusammenklang unterschiedlicher Intervalle die Wirkung der Harmonien entdeckt haben. Der einzelne Melodieton ist demnach von Anfang an ein Bestandteil einer gehörten oder später gedachten Harmonie.