Die Geburt der Musik aus dem Geiste der Gemeinschaft

Ich behaupte, dass die Musik aus der rhythmischen Bewegung heraus entstanden ist. Und zwar aus der gemeinschaftlichen synchronisierten Bewegung. Beim Hören von Musik verstehen wir uns als Teil einer Gemeinschaft, die sich selbst vermittels organisiertem Klang vergegenwärtigt.

Wie ist die menschliche Musik entstanden? Darüber haben sich bestimmt schon viele Gelehrte den Kopf zerbrochen und sind zu mannigfaltigen Resultaten gelangt, die ich größtenteils nicht kenne. Sicher gibt es irgendeine halbwegs anerkannte wissenschaftliche These, aber ich mache mir jetzt nicht die Mühe, etwas darüber herauszufinden. Ich stelle Ihnen meine Version vor. Die Richtigkeit meiner Idee ist zweitrangig. Mir geht es eher um die Wirksamkeit der Idee in der Herangehensweise an Musik.
Was ist Musik überhaupt? Das allumfassend klären zu wollen, ist mühsam. Was darf man mindestens als Musik bezeichnen und was kann man nicht mehr als Musik bezeichnen?  Wo setzt man die Prioritäten? Beim Klang, bei der Bewegung oder beim Ausdruck?
Ich definiere für mich zunächst, dass Musik etwas rein menschliches ist und in der Natur nicht vorkommt. Mag sein, dass man einen Vogelruf mit Musik vergleichen kann oder dass sich in der Natur Schwingungen, Rhythmen und Harmonien nachweisen lassen. Letztlich findet aber Musik in unserem Kopf statt, nachdem Schall als Musik eingeordnet wurde. Und meine Meinung ist, dass sich das Hören von Musik bzw. das Einordnen als Musik auf zwei menschlichen Fähigkeiten gründet: Bewegung und Stimme. Der Bewegung kommt dabei der gründende Charakter zu. Musik hat etwas mit Zeit zu tun. Metren, Rhythmen und Klänge sind letztlich Schwingungen. Schwingungen basieren auf Zeiträumen. Als der Mensch begann, sich zweibeinig fortzubewegen, wurde aus seinem gleichmäßigen Gang eine Frequenz. Das Ticken einer inneren Uhr. Ein Zweiertakt. Von da an war es nicht mehr weit zum Gleichschritt im Sinne des Tanzes. Das Einschwingen in eine Frequenz wird unterstützt durch Klänge, so wie z.B. die Trommel beim Drachenbootrennen die Ruderschläge synchronisiert. 
Die Musik ist geboren aus dem Bestreben, gemeinschaftliche Bewegung zu synchronisieren. Nicht das Bedürfnis nach Klang bringt den Menschen zur Musik sondern das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Nach Gleichklang mit anderen. Was daraus folgt, ist eine reichhaltige Entwicklung von immer neuen Varianten auf dem Metrum. Das gleichmäßige Ausstoßen von Lauten. Borduntöne, Harmonien und schließlich Melodien. Der Klang an sich ist Nebensache. Musik ist ursächlich weder Harmonie noch Melodie. Musik ist synchronisierte Bewegung. Das gemeinsame Schwingen in einer Frequenz. Das Metrum ist der kleinste gemeinsame Nenner des Tanzes.
Die Entwicklung der europäischen Kunstmusik hat uns ein wenig auf den Holzpfad geschickt, was die Herangehensweise an Musik angeht. Die E-Musik hat einen sakralen Ursprung in einer mittelalterlichen, von Endzeitstimmung geprägten Weltsicht. Tanzen passt dazu nicht. Eher Sitzen und Hören, Ergriffen sein usw.. Hinzukommt der Geniekult, der spätestens in der Romantik den Schöpfer des Werkes und den virtuosen Interpreten in den Mittelpunkt stellt. Diese Form der Musik ist der Sonderfall, nicht der Normalfall. Wer seine Musikpädagogik auf dem Irrtum gründet, dass Musik etwas künstlerisches, schwieriges, elitäres, würdevolles ist, der wird ein unmusikalisches Fußvolk erziehen, das sich von hochentwickelten Formen der Musik mehr und mehr abwendet. Es gibt Musik, bei der klatscht man mit und es gibt Musik, bei der klatscht man danach. Die letztere ist ein Sonderfall, das will ich ausdrücklich sagen, ohne es zu werten.
Die Musik ist aus dem gemeinsamen Tun entstanden, nicht aus der inneren Wahrnehmung des einzelnen. Bei der Musik wird ein Klang unter dem Aspekt des Mit-Tuns reflektiert. Des Mitsingens, des Mitschwingens und im Falle der großen sinfonischen Klänge auch des Mitfühlens. Die Kunstmusik basiert letztlich auf einer starken im Volk verbreiteten Musikalität, die definitiv von gemeinsamer musikalischer Aktivität und nicht vom vielen Zuhören oder vom Üben der Einzelnen getragen wird.
Eine wirksame Musikpädagogik muss meiner Meinung nach genau den Grundcharakter der Musik - die Gemeinsamkeit (das Konzertieren) - in den Mittelpunkt stellen. Wo es nur geht, muss der Lehrer mitspielen. "Solo" geht erst, wenn "Gemeinsam" klappt. Ein frei zu handhabendes Metrum funktioniert erst, wenn ein konstantes Metrum inklusive Takt funktioniert. 




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