Das System von Richtig und Falsch

Im letzten Beitrag schrieb ich über einen Professor, den ich auf Youtube entdeckt habe, bzw. den der Algorithmus für mich entdeckt hat (warum auch immer). Und diesen Monat steige ich ebenfalls  mit einem Youtube-Phänomen in die Kolumne ein. Ich nenne dieses Phänomen "Numbered List of Dos, Donts & Facts". Kommt ihnen sowas hier bekannt vor?

"4 Dinge, die sie über Politiker wissen sollten"
"3 Tricks, mit denen Du jede Frau rumkriegst"
"Die 5 blödsten Fehler in Bohemian Rhapsodie"
"Diese 4 Fehler solltest Du bei einer Bewerbung nicht machen"
"3 Merksätze für den Weg zum Millionär"
"Die 6 Irrtümer über das Gitarre lernen"

Youtube ist ein mittlerweile hart umkämpfter Markt, in dem man nichts mehr dem Zufall überlassen kann. Das Medium ist schnell. Und es wird angesichts der Masse an Videos und der von den etablierten Schwergewichten ausgehenden Gravitation immer schwerer, Sichtbarkeit zu erzielen. Obwohl viele Videokonsumenten bei Youtube Zeit totschlagen  - wie früher beim Fernsehen - , spielt Zeit eine ganz wesentliche Rolle im Konsumenten-Verhalten. Weil permanent eine Liste nächster Videos zur Verfügung steht, wird Langeweile sofort mit Wegklicken bestraft,. Wer in einem sachbezogenen Video seine Information nicht auf den Punkt bringen kann, dem droht der Abbruch durch den Nutzer. Und weil das so ist, werben die Titel der Videos für ein rationalisiertes, klares Informationsangebot.
Die numerierte Liste symbolisiert Klarheit, Systematik und Reduktion auf das Wesentliche. Im Gegensatz dazu würde man mit Titeln wie "Jede Menge Tricks", "Allerlei Wissenswertes" oder "Alles zum Thema ..." dem Nutzer signalisieren, dass er bitte viel Zeit und viel Aufmerksamkeit einplanen sollte. Mag sein, dass man diese Zeit beim Bücherlesen aufbringen möchte, nicht aber bei Youtube. Komprimierte Information - das ist die eine Seite von "Numbered List of Dos, Donts & Facts". Die andere Seite ist etwas, das man negativ als Schwarz-Weiß-Malerei bezeichnen würde. Positiver gesehen wäre es eine Rot-Grün-Malerei, wobei Rot das Falsche (=Kreuz) und Grün das Richtige (=Häkchen) ist. Das Informationssystem kennt nur zwei Zustände - Eins oder Null: Richtig oder Falsch. Wir alle wissen, dass es in der Realität meistens nicht so einfach ist, die Dinge der einen oder anderen Seite zuzuschlagen. In der Informationsübertragung allerdings lieben wir die "klare Ansage".

Und damit hätten wir den Bezug zur Pädagogik allgemein und zur Musikpädagogik im besonderen hergestellt. Soweit ich weiß, geht die Erziehungswissenschaft davon aus, dass es für Kinder günstig ist, klare Regeln zu verinnerlichen. Erlaubt oder nicht erlaubt? Erziehung kann kaum mehr erreichen, als dass sich Kinder diese Frage vor oder spätestens nach Handlungen stellen können. Dazu muss allerdings ein System von Richtig und Falsch "installiert" sein.
Die Musik ist in erster Linie eine Kunst, keine Wissenschaft. Das macht Begriffe wie "System" relativ schwierig. Die sogenannte künstlerische Freiheit steht dem Gesetz und der Ordnung, also dem "Richtig" und "Falsch" eher konträr gegenüber. Die allgemeine Reformbewegung in der Pädagogik tut ihr übriges, denn sie sieht die individuelle Freiheit für pädagogisch zielführender an als demgegenüber die Unterordnung, geschweige denn die Strafe bei Verstößen.
Die Musikpädagogik neigt eher nicht zur Strenge. Unter anderem auch weil sie ja mittlerweile größtenteils privat organisiert ist. Aber jeder Berufsmusiker weiß, dass nur die systematische Strenge und eine gewisse Portion Zwang zu den Höchstleistungen in der Musik führt. Dennoch haben solche Begriffe wie z.B. "Russische Klavierschule" mittlerweile den faden Beigeschmack einer überholten Pädagogik. 
Ich habe in diesem Blog mehrfach dargelegt, dass die allermeisten Musikschüler keine  Berufsmusiker werden (können und wollen) und die Didaktik darauf Rücksicht nehmen sollte. Aber ich widerspreche, wenn dieser Gedanke zur Verdrängung von Regel, System und Gesetz führt. Ich stelle nach vielen Stunden Unterricht und vielen verschiedenen Schülern fest, dass der beste Weg zu nachhaltigem pädagogischen Erfolg ein Lernsystem ist, das exakt vorgibt, was richtig und erwünscht ist und was falsch und unerwünscht ist.

Machen wir es konkret und sprechen über einen Unterrichtsgegenstand, der in Bezug auf Richtig und Falsch besonders heikel ist: die Improvisation.
Ich beziehe das Improvisieren sofort bei der Einführung des Melodiespiels im Unterricht ein. Denn wer improvisiert, spielt mehr - und wer mehr spielt, spielt besser. Es herrscht nicht nur allgemeine Unsicherheit zu der Frage, ob man Improvisieren lernen kann, sondern auch darum, ob man eine Improvisation beurteilen kann bzw. darf.
Zweimal Ja. Es gibt gute und schlechte Improvisationen und man kann die notwendigen Fähigkeiten zur Improvisation schulen. Noch besser: Bei dieser Schulung tut man mehr für seine Musikalität als in allen anderen musikalischen Disziplinen (Noten lesen, Technik üben, Theorie usw.). Notwendig ist jedoch, dass vom Lehrer klar gesagt werden kann, was gut und was schlecht ist. Auf Youtube hieße das Video diesbezüglich also: "Die 7 Regeln für eine gute Improvisation", denn eine gute melodische Improvisation über eine Harmoniefolge hat:

1. einen quantisierten Rhythmus, weil sie
2. durch eine mindestens rhythmische Klangvorstellung im Kopf gesteuert wird;
3. sollte diese Rhythmik abwechslungsreich sein, wobei dies
4. dadurch unterstützt, dass man phrasiert;
5. besitzt eine gute Improvisation einen Spannungsbogen (z.B. Tonhöhe, Tondichte, Lautstärke);
6. sollte die Summe der Tondauer von jeweils harmonieeigenen Tönen mehr als 50% betragen, was
7. meist dadurch erreicht wird, dass man Zieltöne klanglich (voraushörend) einordnen kann.

Vermutlich gibt es noch  mehr "Dos" bzw. "Donts" in puncto Improvisation, aber allein diese 7 Listenpunkte verdeutlichen, dass man eine Improvisation systematisch bewerten kann. Nun ja - dem leidenschaftlichen "Bauchmusiker" wird sich der Magen umdrehen, wenn er hört, dass man die kreative Musik eiskalt vermisst und sogar noch mit richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht bewertet. Aber: Schule ist Schule und Leben ist Leben. Unterricht macht nur Sinn, wenn man davon ausgeht, dass ein niedrigeres Niveau durch ein höheres Niveau ersetzt wird. Dazu muss man sagen können, worin sich Niveaus unterscheiden. Unterricht ist sinnlos, wenn der Lehrer Gegebenheiten zur Kenntnis nimmt und sich nicht imstande sieht, daran etwas zu ändern, unter anderem deshalb, weil er weder ein System, noch Richtig und Falsch kennt oder weil er sich nicht getraut, Werte zu benennen. Hinter "Alles ist möglich" oder "Alles ist gut" steckt nicht selten einfach nur Unwissen über den Gegenstand.

Es bleibt der Schule nichts anderes übrig, als das Leben in eine Laborsituation zu zwängen. Das ist das System von Richtig und Falsch. Nur wenn der Schüler über ein so geordnetes Wissen und Handwerk verfügt, ist er frei genug, um kreativ zu werden. Andernfalls ist Kreativität das sprichwörtliche "Fischen im trüben Wasser", bei dem das sprichwörtliche "blinde Huhn auch einmal ein Korn findet".   


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