ECC - The Eurovision Corona Contest 2020

Der Eurovision Song Contest ist dieses Jahr leider ausgefallen, aber dafür haben die Politiker den European Corona Contest ausgefochten und warten nun ganz gespannt auf das Ergebnis. Deutschland fühlt sich zwar als Favorit, ist aber wieder mal wieder nur Mittelmaß.   

Epidemien sind lokale bzw. regionale Ereignisse. Innerhalb der einzelnen europäischen Staaten gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Covid-19-Inzidenz (Infizierte pro Million Einwohner).
Doch die Seuchenbekämpfung fand überwiegend national statt - von der Verhängung der Maßnahmen bis hin zur statistischen Auswertung. Gut, dass Staatsgrenzen geschlossen wurden, so konnte das Ergebnis des diesjährigen Eurovision Corona Contest wenigstens nicht durch  Grenzübertritt des Virus verzerrt werden.

Beim European Corona Contest wird weder eine Jury noch das Publikum herangezogen. Grundlage der Wertung sind für mich die sehr informativen Erhebungen des Institute for Health Metrics and Evaluation zur Covid-19-Pandemie. Die Wertung entsteht durch die Bilanz aus geretteten Leben und dem dafür geleisteten Lockdown-Aufwand. Genaueres später.

Es haben 34 europäische Länder mitgemacht: Belgien, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Tschechien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Moldawien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweiz, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Schweden, Türkei, Großbritannien, Ukraine, Ungarn.

Russland habe ich aufgrund seiner Größe und des zeitlich verschobenen Epidemieverlaufes aus der Wertung genommen. Weißrussland hat nicht gemeldet. Kleine Stadtstaaten ebenfalls nicht.
Stichtag der Auswertung ist der 15.6.2020.
Wem der Artikel zu lang ist - hier gleich mal das Endergebnis

The Winner is ...


Lettland -  Apsveicam!
(Herzlichen Glückwunsch)
Lettland hat eine relativ niedrige Inzidenz. Diese scheint jedoch nicht das Resultat eines harten Lockdowns zu sein, denn der gehörte zu den 5 leichtesten aller Teilnehmer.
Ebenso das zweitplatzierte Ungarn und der Dritte Kroatien - alles Länder mit mildem Lockdown, der offenbar keine negative Auswirkung auf die Inzidenz hatte.
Und wir haben auf Platz 4 das "Wunder von Bern", denn die Schweiz ist in den Top Ten der am stärksten betroffenen Länder, hat aber mit dem sanftesten Lockdown Europas die Infektionszahlen  trotzdem deutlich reduziert.

Und wer sind die Schlusslichter? Das sind die hart getroffenen Länder, die einen ebenso harten Lockdown wählten: Frankreich (Platz 30), Großbritannien (31), Spanien (32), Belgien (33), Italien (34).

Wie habe ich eigentlich die Lockdown-Stärke ermittelt?


Lockdown-Stärke ermitteln - das Verfahren


  • Die Lockdown-Stärke wird anhand der vom IMHE angegebenen Mobilitätsdaten ermittelt. 
  • Der Beobachtungszeitraum beträgt 90 Tage ab Lockdown-Beginn.
  • Der Beginn des Lockdown ist jener Tag, an dem das Mobilitätsniveaus erstmals unter Normal-Null sinkt. 
  • Der näherungsweise berechnete Flächeninhalt der Kurve ergibt eine Zahl, die ich als Lockdown-Stärke bezeichne. 


Die am meisten getroffenen Länder


Beim Vergleich von Todeszahlen müssen wir wider besseren Wissens davon ausgehen, dass nationale Todeszahlen nach jeweils gleichen Kriterien angegeben werden. Dunkelziffern z.B. mangels Tests (Italien) oder auch zu hohe Daten mangels Test (Belgien) sind ebenso wahrscheinlich wie die Verzerrung der Statistik durch anderweitig stark erkrankte Patienten, bei denen Covid-19 nicht alleinige Todesursache ist (Deutschland).

Land Tote/Million 
1Belgien834
2Großbritannien605
3Spanien575
4Italien535
5Schweden449
6Frankreich439
7Niederlande348
8Irland332
9Schweiz226
...
12Deutschland104
...
26Island28
27Litauen28
28Kroatien25
29Bulgarien21
30Ukraine19
31Griechenland17
32Zypern15
33Lettland13
34Slowakei5

Tabelle 1: Covid-19-Tote/Million - Länderauswahl

Diese Statistik lässt übrigens reißerische Schlagzeilen zu wie:
"Erschreckende Corona-Bilanz - Zwanzig mal mehr Tote in Deutschland als in der Slowakei"  




Die fünf härtesten und die fünf lockersten Lockdowns


Fünf Länder kommen in diesem Modell über eine Lockdown-Stärke von 5000. Der Spitzenreiter Moldawien fällt hinsichtlich der vergleichsweise niedrigen Todesrate aus dem Rahmen, sowie der vorletzte Schweden mit der relativ hohen Todesrate. Überraschung ist, dass die Schweiz einen geringeren Lockdown hatte als Schweden. Das hängt vor allem mit der schnellen Rückkehr zur mobilen Normalität zusammen.


Land  Lockdown-Stärke Tote/Million 
1 Moldawien 5284 95
2 Italien 5207 535
3 Frankreich5145 439
4 Irland5047332
5 Spanien 4993 575
...
16 Deutschland 3624 104
...
31 Kroatien 2286 25
32 Lettland 2228 13
33 Ungarn 2203 56
34 Schweden 2141 449
35 Schweiz 2040 226

Tabelle 2: Lockdown-Stärke - Länderauswahl



Die besten Seuchenbekämpfer


Wer konnte die Inzidenz am stärksten senken?
Für einen einfachen Vergleich habe ich die Differenz zwischen der Inzidenz (Infizierte pro 100 000 Einwohner) am Tag der meisten Neuinfektionen (Peak) und der Inzidenz 70 Tage später gebildet.

Land  Inzidenz Peak Inzidenz 70 Tage Differenz
1 Belgien 2553 194 2359
2 Irland 1351 50 1301
3 Großbritannien 1415 163 1251
4 Spanien 1201 7 1194
5 Niederlande 876 52 824
...


13 Deutschland 230 22 208



Tabelle 3: Inzidenz-Differenzen vom Peak

Da sich in den Top Five drei Spitzenreiter der am stärksten betroffenen Länder finden (Belgien, UK, Spanien), könnte man einwenden, dass hohe Inzidenzen zum einen ein höheres Senkungspotential haben, aber andererseits von schlechter Bekämpfung zu Beginn der Epidemie künden.

Eine zweite Tabelle zeigt daher die Differenz zwischen der Inzidenz am Tag des Absinkens der Mobilität unter Normal (= Beginn Lockdown) und der Inzidenz 90 Tage später.

Land  Inzidenz Lockdown Start Inzidenz 90 Tage Differenz
1 Spanien 1167 20 1147
2 Luxemburg 430 17 413
3 Niederlande 417 45 372
4 Belgien 552 205 347
5 Großbritannien 466 133 333
6 Schweiz 391 61 330
7 Frankreich 379 169 210
8 Italien 234 67 167
9 Dänemark 151 23 128
10 Österreich 133 13 120
...


17 Deutschland 48 21 27



Tabelle 4: Inzidenz-Differenzen vom Lockdown

Hier finden sich nicht nur eher stark betroffene Länder auf den vorderen Plätzen, sondern genau jene Länder, die zu Beginn des Lockdowns bereits höchste Inzidenzen hatten. Die höchste Inzidenz ist allerdings nur bei Spanien und Luxemburg die Folge eines relativ frühen Höhepunktes der Epidemie. Die anderen Länder erleben den Höhepunkt erst im tiefen Lockdown.



Lockdown vs. Mortalität - die große Endauswertung



Wir benötigen einen Vergleich zwischen dem Nutzen des Lockdowns hinsichtlich der Vermeidung von Toten und dem Aufwand des Lockdowns hinsichtlich der verursachten Kosten. Dazu werde ich Deutschland zum Maßstab nehmen und anhand der Kosten des deutschen Lockdowns den Wert der geretteten Menschenleben ermitteln. Ich gehe wie folgt vor:

  1. Lockdown - Kosten
    Der Preis für den Lockdown beträgt nach Schätzungen des ifo-Institutes  zwischen 255 und 495 Mrd. EUR. Das ist bestimmt sehr niedrig geschätzt, aber egal, ich orientiere auf die untere Mitte und sage: 300 Milliarden EUR. Deutschland hatte eine Lockdown-Stärke von 3624 Punkten (Tabelle 2), demzufolge ist ein einzelner Lockdown-Punkt 82,78 Millionen Euro teuer. Pro deutschem Einwohner wäre das ein Betrag von knapp 1 EUR.
  2. Todesopfer ohne Maßnahmen
    Wenn die Epidemie bei einer erworbenen Herdenimmunität von 60% auf natürlichem Wege enden würde, dann wären bei einer an den Infektionen gemessenen Letalität von 0,36 % (Heinsberg-Studie) am Ende der Epidemie 2160 Tote je 1 Million Einwohner zu beklagen.
  3. Kosten einer Lebensrettung
    In Deutschland hätte man nach 2.) 179 280  Todesopfer verzeichnen müssen. Tatsächlich sind es aber nur knapp 9000. Durch den Lockdown wurden also (theoretisch) 170 280 Leben gerettet. Bei einem Lockdown-Preis von 300 Milliarden Euro hat eine Lebensrettung damit 1,76 Millionen Euro gekostet.


European Corona Contest Top Ten 2020  


Als erstes berechnen wir für jedes Land den Preis der geretteten Leben je 1 Million Einwohner:

(2160 - Tote/Mill.) x 1,76 Mill. EUR

Als zweites werden die Lockdown-Kosten ermittelt, indem die Lockdownpunkte mit 1 Mill. EUR multipliziert werden (1 EUR/Lockdown-Punkt x 1 Million Einwohner).

Schließlich besagt die Differenz, wie sich die Kosten des Lockdowns im Verhältnis zum Preis der geretteten Leben verhalten.

In der letzten Spalte ist zur Erinnerung noch einmal die Mortalität angeführt.


LandLeben
(Mill. EUR)
Lockdown-Kosten
(Mill. EUR)
Differenz Tote/Million
1Lettland 378322271556 13
2Ungarn 3706 22021504 56
3 Kroatien 3762 2285 147725
4 Schweiz 3407 2039 1368 226
5 Bulgarien 37682517 125121
6 Estland 3710 2584 1126 54
7 Tschechien 3751 2793 958 31
8 Ukraine 37732887886 19
9 Schweden 30142140874 449
10 Polen 37533119634 30

...



20 Deutschland 362336230 104

...



27 Luxemburg 34744788-1314 188
28 Moldawien 36385282-1644 95
29 Irland 32205045-1825 332
30 Frankreich 30325143-2111 439
31 Großbritannien 27404825-2085 605
32 Spanien 27924992-2200 575
33 Belgien 23374565-2228 834
34 Italien 28635205-2342 535

Tabelle 5: Differenzen Lebensrettung/Lockdownkosten - Länderauswahl


Schlussfolgerungen oder "Das Wunder von Bern"


Stark betroffene Länder (Tabelle 1) haben einen harten und kostspieligen Lockdown (Tabelle 2) durchgeführt und weisen daher eine negative Bilanz auf. Die Ausnahme ist jedoch Schweden, das es sogar in die Top Ten schafft und sich bilanztechnisch mit kaum betroffenen Ländern wie Tschechien messen kann.

Die Länder mit der besten Bilanz sind jene, die kaum getroffen waren (Tabelle 1) und gleichzeitig nur einen geringen Lockdown hatten. Demgegenüber gibt es Länder, die vergleichbar gering getroffen waren, aber ihre Bilanz durch einen kostspieligen Lockdown arg verschlechtert haben.   Z.B. Griechenland (Platz 23), Zypern (Platz 22) und die Slowakei (Platz 19).

Die Zahlen suggerieren eher die Abhängigkeit der Maßnahmen von der Inzidenz als umgekehrt. Zwar gibt es Länder, die eine relativ hohe Lockdown-Stärke und niedrige Inzidenz haben (Griechenland, Türkei), aber mehr noch gibt es Länder mit niedriger Lockdown-Stärke und niedriger Inzidenz (Lettland, Ungarn, Kroatien usw.).

Ein geringer Lockdown wie in Schweden könnte, wie oft vermutet wird, die Ursache für eine höhere Todesrate sein. Ein Vergleich mit Irland allerdings, das eine ähnlich hohe Start-Inzidenz zu Beginn des Lockdowns hatte, widerlegt diese Kausalität, denn Irland hat mit einem mehr als doppelt so strengen Lockdown Tote in ähnlicher Größenordnung (332 /Million).

Die Schweiz ist in den Top Ten auf Platz 4 und nimmt dort eine Sonderrolle ein. Sie hat erstens eine mittlere Inzidenz und kann zweitens  eine durchaus beachtliche Inzidenzreduktion (Tabelle 4) vorweisen. Von daher haben wir es hier eigentlich mit dem epidemiologischen "Wunder von Bern" zu tun:

  1. geringste Lockdown-Stärke in Europa
  2. bei mittlerer Inzidenz
  3. trotzdem hohe Inzidenzreduktion
  4. optimale Aufwand-Nutzen-Bilanz am Ende

Der Vergleich Frankreich vs. Schweiz wirft die Frage auf, warum ein doppelt so starker Lockdown bei ähnlichen Ausgangsbedingungen am Ende deutlich weniger effektiv ist:

 
FrankreichSchweiz
Lockdown-Start04.03.202008.03.2020
Lockdown-Stärke51452040
Infektions-Peak18.03.202018.03.2020
Mortalität (Tote/Mill.)439226
Start-Inzidenz (Infizierte/100 000)379391
90-Tage-Inzidenz (Infizierte/100 000)16961
Inzidenz-Reduktion (Infizierte/100 000)210330
Bilanz (Mill. EUR/Mill. Einwohner)-21111368

Und wer noch einwendet, dass es an der Bevölkerungsdichte liegen könnte, dem sei gesagt, dass diese in der Schweiz mit 206 Einwohnern/km2 deutlich höher ist als in Frankreich mit 122 Einwohner/km2.

Aber das ist ja erstmal nur eine Zwischenbilanz. Der Wettbewerb geht weiter.
Ganz gespannt warten wir jetzt auf die zweite Welle und alle Politiker hoffen, sich dann wieder beweisen zu können.
Und wenn sie keinen Impfstoff gefunden haben, dann kämpfen sie noch heute.

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