Was ist musikalisches Talent?

Bin ich musikalisch talentiert? Die Frage stellen sich viele bereits, bevor sie mit dem Gitarrelernen beginnen. Doch was ist eigentlich genau das musikalische Talent? Ich bin der Meinung, dass es DAS musikalische Talent gar nicht gibt, sondern Teilbegabungen bzw. Eigenschaften, die sich zu einer mehr oder weniger günstigen Mischung vereinigen.  

Auch diesem Beitrag muss ich voranstellen, dass mir für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema "Musikalisches Talent" die Zeit und die Lust fehlen, selbstverständlich auch der Sachverstand. Ich spreche nur aus Erfahrung - in Verbindung mit ein wenig Denkarbeit.
Es gibt nicht DAS Musiktalent. Schon allein weil es auch nicht DIE Musik gibt. Das Musizieren und das erfolgreiche Musizieren vor Publikum ist ein Prozess, der sich aus vielen Aspekten zusammensetzt. All diese Aspekte erfordern spezifische Fähigkeiten und Eigenschaften. Von einer Begabung spricht man, wenn einerseits bestimmte Fähigkeiten bereits vorhanden sind oder wenn andererseits eine überdurchschnittliche Lerngeschwindigkeit in Bezug auf diese Fähigkeiten vorhanden ist. Das erste ist in vielen Fällen die Folge des zweiten, aber es gibt halt auch Fähigkeiten, die auf angeborenen Faktoren beruhen.
Ich habe insgesamt 10 Talente herausgefunden, die sich in Summe auf den Erfolg einer musikalischen Ausbildung bzw. eine Karriere auswirken. Ich gebe diesen Talenten keine Gewichtung, denn Defizite in dem einen oder anderen Bereich können kompensiert werden. Die Reihenfolge ist willkürlich festgelegt.

Gehör - Klangvorstellung - Intonation

Einerseits ist das Gehör trainierbar. Andererseits gibt es Menschen, die von Natur aus entweder ein sehr feines Gehör besitzen bzw. starke Assoziationsmechanismen, die ein besseres akustisches Gedächtnis ermöglichen. Ein absolutes Gehör ist die Folge eines guten Klanggedächtnisses. Akustische Reize prägen sich stark ein und vereinfachen nicht nur die Reproduktion von Gehörtem sondern auch die Identifikation und Beurteilung von Klängen. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Klangerzeugung und die Intonation aus. 
Viele Hobbymusiker hören ihre Fehler nicht und können sie daher von selbst nicht abstellen. Menschen mit einem guten Gehör produzieren einen guten Klang, denn schlechter Klang tut ihnen weh. Dennoch ist das Gehör kein Allheilmittel, so wie es speziell in der klassischen Musik manchmal dargestellt wird.

Rhythmusgefühl - Klangvorstellung - Timing

Meiner Meinung nach wird Rhythmusgefühl in der gegenwärtigen Musikausbildung untergewichtet. Jeder Musiker ist für mich ein Schlagzeuger, nur dass er mit Fingern trommelt. Unsere klassische Kunstmusiktradition hat uns auf eine falsche Fährte gelockt. Sie suggeriert, dass Timing nicht so wichtig wie Klang ist. Und das ist möglicherweise so, weil sich die Kunstmusik zur "Sitz- und Hörmusik" entwickelt hat, die auf einen passiven Zuhörer setzt. Das ist keine Wertung, aber in Bezug auf die musikalische Ausbildung ist für mich Rhythmus das Thema Nummer 1. 
Wenn wir es ganz genau nehmen, ist jeder Klang letztlich auch nur der Rhythmus einer Amplitude. Ich behaupte, dass rhythmische Muster einer Klangvorstellung bedürfen, die in unserem Sprachzentrum angesiedelt ist. Rhythmus wird mit Bewegung erzeugt, aber genau wie Sprache in die Zukunft gedacht. Rhythmus hat etwas mit der Gegenwartserfahrung zu tun. Rhythmusgefühl bedeutet einerseits, eine Vorstellung von einer rhythmischen Abfolge zu haben, so wie man eine Vorstellung von der Aussprache eines Wortes hat - und zum anderen bedeutet es, seine Bewegungen soweit zu lockern, dass der Körper in die Schwingung eines Timings gerät. Also in Resonanz.
Wer ein gutes Rhythmusgefühl besitzt oder erwirbt, kann mit Worten, Geräuschen oder mit einem Fingerschnipsen Musik machen.

Feinmotorik - Schnelligkeit - Virtuosität

In der Spitze sind Musiker meist Virtuosen. Virtuosität ist mehr als nur Schnelligkeit, aber ich denke, dass es genauso wie im Sport Menschen gibt, die bestimmte Bewegungsabläufe schneller und genauer ausführen können als andere. Hierbei spielt die Abspeicherung von Bewegungsroutinen eine Rolle sowie die körperlichen (nervlichen) Voraussetzungen für schnelle und genaue Bewegungen. 
Ich wette, dass ein Sprinter eine motorische Begabung hat, die er auch auf einem Instrument ausleben könnte. Denn beim Sprint entscheiden nicht allein die Muskeln über den Sieg sondern der optimale Bewegungsablauf, welcher dann eine maximale Wiederholungsrate ermöglicht.
Man kann ohne jegliche Begabung in puncto Gehör oder Rhythmus schnelle Läufe auf der Gitarre spielen. Ich habe das bei Rockgitarristen öfter beobachtet.

Ausdruck - Emotion - Charisma - Imitation

Es gibt Menschen, die verfügen über eine überdurchschnittlich starke Fähigkeit, andere Menschen in ihren Bann zu ziehen. Zum einen gehört dazu eine Portion der sogenannten emotionalen Intelligenz dazu. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Wirkung auf andere sowie deren Gefühle in Situationen einschätzen zu können. Zum anderen gehört dazu die Fähigkeit zur Ausdrucksstärke. Man könnte von einem schauspielerischen Talent sprechen. Musik hat immer etwas mit Emotionen zu tun. Ein Klang allein wirkt emotional. Wer allerdings gut in der Lage ist, die Emotionalität eines Klanges zu unterstreichen, sei es mit musikalischen oder theatralischen Mitteln, der kann Leute mehr begeistern als ein nüchterner Darbieter der allerhöchsten Kunstfertigkeit..

Kreativität - Individualität - Originalität - Fantasie

Und es gibt Menschen, die einen überdurchschnittlichen Sinn für Außergewöhnliches haben. Sie sind anders als andere, meist weil sie anders sein und sich abheben  wollen. Das ist sicher verbunden mit dem Wunsch nach Aufmerksamkeit aber eben auch mit der Gefahr Missgunst zu ernten. Manche können nicht anders, manche wollen nicht anders. Um in der sehr reichen Musikwelt aufzufallen, scheint diese Begabung von Vorteil zu sein. Kreativität heißt, neues zu schaffen. Nirgendwo ist das Neue so wichtig wie in der Popmusik. Neu heißt dabei immer auch "anders". Nicht völlig anders, aber eben individuell bzw. originell. Ein Musiker, der Dinge anders macht als andere und der eigensinnig und fantasievoll ist, hat einen großen Vorteil. Manche Künstler möchten auf Brücken laufen, die hinter ihnen einstürzen, damit ihnen niemand folgen kann.

Intelligenz - Gedächtnis - Kombination - Rekombination

Als Lehrer weiß man, dass Kinder mit schlechteren schulischen Leistungen meist auch schlechtere musikschulische Leistungen haben. Es gibt hier Ausnahmen, speziell wenn schlechte schulische Leistungen ihre Ursache nicht in mangelnder Intelligenz haben. Es gibt aber (leider) den Zusammenhang zwischen Intelligenz, Elternhaus und musikalischer Leistung. Für viele Anforderungen beim Musizieren brauchen wir ein halbwegs gutes Gedächtnis. Es hilft ungemein, wenn man sich Notennamen, Griffe, Skalen, Formen usw. schnell und gut merken kann. Es hilft, wenn man Schemen, logische Zusammenhänge und Komplexität schneller erkennt.   
Angeblich gibt es den Effekt, dass Musik die Intelligenz erhöht. Meiner Meinung hängt das damit zusammen, dass Musik die Intelligenz fordert.

Leidenschaft - Lust - Freude - Motivation 

Ich hatte eingangs erwähnt, dass es keine Gewichtung in den Talentaspekten gibt, aber hier würde ich dann doch sagen: Die Leidenschaft und die Freude an der Musik ist der Faktor, der vielleicht am meisten über die musikalische Leistungsfähigkeit entscheidet. Warum? Mit Leidenschaft und Freude wird man sämtliche Defizite in den anderen Bereichen reduzieren können. Weil man durch Lust und Motivation am Ball bleibt und die Qualität Stück für Stück größer wird. Wer keine besonders große Freude am Musizieren empfindet, kann begabt sein, wie er will - ihm wird die nötige Praxis fehlen. Mein Lehrer hat gesagt: Schweißer wird man vom Schweißen. Pat Metheny hat gesagt, dass ein guter Musiker irgendwann Zeiten gehabt haben muss, in denen er 7 Stunden am Tag gespielt hat. Ohne außerordentliche Freude am Klang macht man das nicht. 

Fleiß - Ehrfurcht - Geduld - Disziplin


So sehr die Lust und die Leidenschaft zum Musizieren notwendig ist: Es gibt viele Momente im Leben des ambitionierten Musikers, wo Frust einkehrt und das schnelle menschliche Belohnungssystem zur Motivation nicht ausreicht. Hier sind Primärtugenden wie Fleiß und Disziplin gefragt. Genau in diesen Phasen steigen viele durchaus fähige Musiker aus. Schüler hören auf zu üben. Eine Abwärtsspirale kommt in Gang, in der mangelnde Erfolgserlebnisse die Lust verringern. Wie heißt es immer: Das Talent ist die 1 und der Fleiß sind die Nullen dahinter. Ich bezeichne Fleiß ebenfalls als Talent, denn nachgewiesenermaßen gibt es Menschen, denen es besser als anderen gelingt, das Belohnungssystem a la long zu stellen und Dinge zu tun, von denen erst langfristig eine Belohnung zu erwarten ist. Zusätzlich habe ich unter diesem Punkt noch das Wort Ehrfurcht als Synonym für die Anerkennung von Autoritäten genannt. Nicht immer, aber oft zahlt es sich aus, den Rat von Leuten zu befolgen, die vieles besser wissen als man selbst. 

Schicksal - Psyche - Kompensation 


Ein Ansporn unseres Tuns liegt durchaus in der Absicht, geliebt, geehrt und geachtet zu werden. Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ein Problem mit mangelnder Liebe, Selbstliebe oder Selbstwertgefühl haben, haben unter Umständen ein Talent zur Kompensation. Das heißt, dass sie sich Tätigkeiten suchen, mit denen sie ihr Selbstwertgefühl steigern können bzw. dass sie sich Tätigkeiten suchen, in denen sie ein Gefühl von Glück finden, das ihnen im normalen Leben verwehrt ist. Für viele Künstler waren psychische und biografische Probleme ausschlaggebend für ihre ganz besondere Anstrengung und Vertiefung in die jeweilige Materie. Kunst, und hier Musik im Besonderen, wird nicht umsonst als Therapieform genutzt. Kunst ist ein Rückzugsgebiet für Menschen, denen das Glück auf normalem Wege nicht recht gelingen mag. Beziehungsprobleme, Verhaltensprobleme und Anomalien schaffen eine gewisse Isolation, die dazu führen kann, viel Zeit mit sich und der Kunst zu verbringen. 

Menschliche Reife - Tugend

Dieser Punkt ist mir erst eingefallen, als ich dachte, dass es nur 9 Talente gibt. Menschliche Reife ist kein Talent, sondern eigentlich nur mit Lebenserfahrung zu erreichen. Es gibt aber junge Menschen, die auf ihre Art äußerst ausgeglichen und beinahe weise erscheinen. Kinder mit außergewöhnlichen musikalischen Leistungen wirken oft viel reifer als ihre Altersgenossen. Sie interessieren sich für andere Dinge als Gleichaltrige. Das Bild vom kaspernden Mozart ist eine Verzerrung. 
Dennoch interessieren mich die Darbietungen von Kinderstars kaum, auch wenn ich oft staune. Eine Meisterleistung baut für mich auf einem menschlichen Reifeprozess auf. Große Künstler benötigen Lebenserfahrung, die sie tugendhaft und reif werden lässt. Musik ist Informations- und Energieübertragung. Wer in seinem Leben keine Erkenntnis gewinnt, der wird auch wenig übertragen können. Manche Kinderstars reifen nicht aus, weil ihr Lebensweg ganz anders verläuft, als es für einen echten Meister nötig ist. Sie werden früh  verheizt. Sie geraten in zu schwere Krisen. Ihr Innenleben hinkt ihren musikalischen Laufbahn hinterher und fordert irgendwann seinen Preis.


Man erlebt häufig, dass die als große Talente gehandelten Musiker meist in allen Disziplinen ähnlich begabt sind. Dies ist der Grund, warum viele das musikalische Talent für eine Art Monolith halten. Tatsächlich aber wird jeder Musiker in den 10 genannten Punkten etwas finden, das bei ihm nicht oder nur wenig zutrifft.
Viele Menschen werden entmutigt zu musizieren, weil ihnen andere das Talent absprechen, obwohl sie gar nicht wissen, wovon sie genau reden. Der pauschale Verweis auf das musikalische Talent ist mit der Unfähigkeit verbunden, ein präzises Urteil abzugeben - sowohl positiv als auch negativ. 


Gitarre lernen ohne Üben?

Gitarrenunterricht ohne zu Hause zu üben? Geht das? Die Theorie sagt hier vermutlich NEIN, aber die Praxis sagt: JA, es muss gehen. Denn in der Realität sieht es so aus, dass ein nicht unerheblicher Teil der Schüler aus diversen Gründen so gut wie nie übt. 



Die meisten sagen mir ganz offen, wenn sie nicht geübt haben, denn sie wissen, dass ich daraus kein Problem mache. Bei vielen Schülern, die nicht geübt haben und es nicht sagen, merkt man nicht nur den fehlenden Fortschritt nach einer Woche sondern auch, dass nach 7 Tagen ohne Wiederholung bestimmte Dinge vergessen wurden. Es ist auch schon manchmal vorgekommen, dass ein Schüler seine Noten im Unterricht vergisst und es erst eine Woche später merkt - beim Auspacken der Noten im Unterricht. Trotzdem kommen diese Schüler nicht ungern zum Unterricht, und trotzdem kündigen sie den Unterricht nicht auf. Ich habe schon in  anderen Blogtexten darauf hingewiesen, dass sich der private  Musikpädagoge darauf einrichten muss, dass ein Teil der Schüler die Gitarre nur im Unterricht zur Hand nimmt. Wer auf jeden Schüler angewiesen ist, muss damit leben, dass mancher Schüler keinen eigenen Antrieb zum Musizieren verspürt, egal wie toll der Lehrer und der Unterricht ist. Ein subventioniertes Schulsystem würde diese Schüler sanktionieren oder ausfiltern. Ein privat finanziertes System muss damit umgehen.

Üben ist die Wiederholung von Bewegungsabläufen. Wir gehen davon aus, dass ein tägliches Üben maximalen Fortschritt ermöglicht. Es ist allerdings nicht gesagt, dass Üben im Abstand von 7 Tagen zu Stillstand oder Rückschritt führt. Ich würde behaupten wollen, dass jemand, der nur aller 7 Tage im Unterricht übt, vermutlich 7 mal länger zum Lernen braucht, als derjenige, der täglich übt. Ökonomisch ausgedrückt, wäre infolge des Nichtübens der Musikunterricht also 7 mal so teuer.

Im Unterricht wiederholend zu üben, ist für manche Lehrer ein Tabu. Wer auf nicht übende Schüler angewiesen ist, kann jedoch nichts anderes im Unterricht machen. Mit einem Schüler zu üben, ist keine besonders aufregende Tätigkeit. Aber immerhin ist diese teure Übezeit für den Schüler effektiver, als wenn er die gleiche Zeit allein üben würde. Gründe dafür sind das hohe  Konzentrationslevel im Beisein des Lehrers, desweiteren die sofortige Kontrolle zur Fehlervermeidung und schließlich die effektive Übestrategie, für die der kompetente Lehrer sorgt. Wenn man dieses Plus an Effektivität berücksichtigt, könnte der Verlustfaktor 7 ein wenig reduziert werden. Und da selbst ein fleißiger Schüler kaum wirklich 7 mal in der Woche zu Hause übt, bliebe am Ende vielleicht ein Faktor von ca. 3-4 übrig, den der nicht übende Schüler  verlangsamt lernt gegenüber dem übenden Schüler. Das deckt sich auch so ungefähr mit meinen Erfahrungen. Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen "faul" und "fleißig". Aber wenn ein "fauler" Schüler längere Zeit wenigstens regelmäßig zum Unterricht kommt und mit mir übt, ist sein minimaler Erfolg dann doch recht beachtlich.

Unterrichtszeit mit Üben zu verbringen, reicht aber im Umgang mit nicht übenden Schülern nicht aus. Zusätzlich muss der Lehrplan angepasst werden. Lernschritte und Lerngegenstände müssen so klein sein, dass der Schüler nicht 2 Monate die gleiche Übung im Unterricht übt, sondern dass man nach spätestens 3 Wochen den nächsten Schritt gehen kann. So wird es nicht fürchterlich langweilig für beide Beteiligten. Da ich meinen Lehrplan draufhin entwickelt habe, und er auch noch für den langsamsten Schüler halbwegs abwechslungsreich ist, ist es für den schnellen Schüler umso schöner, schnell voranzukommen. Ich hatte noch niemanden, der sich über zu einfache Aufgaben beschwert hätte. Falls doch, hätte ich viele Ideen, wie man sich an einem Stück Herausforderungen suchen könnte.

Es macht für mich keinen Sinn, von den Schülern bzw. den Eltern mehr häusliche Übezeit einzufordern. Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass jeder weiß, dass man mit dem täglichen Üben deutlich schneller lernt. Wer das nicht macht, hat sich entschieden langsamer zu lernen. Diese Entscheidung ist zu akzeptieren, da es weder Lernziele noch zeitliche Vorgaben dafür gibt. Ich sehe es nicht als eine Entscheidung, die gegen mich oder meine Interessen gerichtet wäre. Sicher ist es erstmal schwierig einzusehen, dass die eigene Mühe vergeblich ist, den Schüler auf einen erfolgreicheren Weg zu bringen. Man muss dann, wie man so schön sagt "loslassen" können.

Möglicherweise ist die Akzeptanz des Musiklernens ohne selbständiges Üben ein musikpädagogischer Tabubruch. Allerdings möchte ich ein Beispiel nennen, in dem es in ähnlicher Weise wie beim Gitarreneinzelunterricht zugeht und in dem selbständiges Üben nicht möglich ist: die Fahrstunden in der Fahrschule. Würden wir behaupten wollen, dass Autofahrenlernen bis zur Fahrprüfung nicht möglich ist, da man nicht vorher täglich selbständig üben kann? Die kognitiven Anforderungen beim Autofahren halte ich mit denen beim einfachen Musizieren vergleichbar. Es wäre vorstellbar, dass man Autofahren sogar mit weniger Fahrstunden lernen könnte, wenn man diese nur im wöchentlichen Abstand absolvieren würde. Der Zeitraum bis zur Prüfung wäre zwar länger, aber man bräuchte bestimmt weniger Stunden. Warum sollte das beim Musizieren nicht gehen?

Ein möglicher Grund für die Ablehnung des Übens mit "faulen" Schülern im Unterricht wäre, dass sich der Lehrer aufgrund seines Renommees und seines Könnens zu fein dafür ist. Zu recht, denn es wäre schade, wenn ein Star sein Wissen und Können nicht ausreichend weitergeben kann, weil er unpassende Kundschaft hat. Die Realität sieht für die meisten Gitarrenlehrer aber anders aus. Erstens sind die meisten keine Stars, zweitens gibt es für die meisten nicht genügend "fleißige" Schüler.   

Geht beim nicht übenden Schüler die Motivation verloren? Nein, denn er hat ja - wie oben geschildert - kaum Motivation, sonst würde er zu Hause üben. Es ist richtig, dass aus Erfolgserlebnissen neue Motivation wächst. Ein Erfolgserlebnis kann durch Üben erzielt werden. Auf diese Weise kann eine positive Spirale in Gang gesetzt werden: Üben führt zu Erfolgen und motiviert zum Üben. Den Eingang in diese Spirale kann man allerdings nicht erzwingen. Ich glaube daran, dass sich der "faule" Schüler absolut freiwillig in diesen Mechanismus begeben sollte. Für den Lehrer gibt es nur eine Möglichkeit, den Schüler relativ unbemerkt dahin anzustupsen: Das Üben im Unterricht. 




  


Komponierende künstliche Intelligenz

Neulich las ich einen Artikel auf ZeitOnline, in dem es um "Komposition durch künstliche Intelligenz" ging. "Beatles auf Knopfdruck" lautetet das Motto. Der Artikel enthielt nichts wirklich neues und las sich eher wie eine Werbung für eine Software, die neue Methoden zur Erstellung kompletter Songs anbietet. Die dazu geführte Diskussion war interessanter. Dort standen sich zwei Lager gegenüber. Die einen waren überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man künstliche Kompositionen von menschlichen nicht mehr unterscheiden kann. Die anderen waren der Überzeugung, dass das niemals passieren wird.

Die Frage, ob künstliche Intelligenz komponieren können wird, ist für mich ziemlich uninteressant. Sie wird es irgendwann können, oder auch nicht. Es ist einfach nur eine Spielerei, wie so manche Dinge, die uns als "unumgängliche" Digitalisierung verkauft werden. Es ist relativ überflüssig, dem Menschen mit dem Komponieren eine Sache abzunehmen, die ihm Spaß macht und die ihm ein Bedürfnis ist. Kaum einer braucht so einen Fortschritt, kaum einer will ihn. Weder die Musiker noch die Zuhörer. Für komponierende Software interessieren sich lediglich Menschen, die keine Musiker sind, es aber gerne wären. Falls diese Menschen erwarten, dass sie das Publikum täuschen können ... nun ja - ich würde sagen, dass die Märchenbücher voll von solchen allzumenschlichen Geschichten sind und am Ende die Wahrheit gewinnt.

Bei komponierender Software wird der Widersinn und die Janusköpfigkeit des vermeintlichen Fortschritts klar deutlich. In manch anderen Bereichen jedoch ist das erst auf den zweiten Blick erkennbar. Beispiel Navigationssoftware: Ja ... es gibt Menschen, die infolge ihres schlechten Orientierungssinns dringend ein Navigationssystem brauchen. Aber es gibt auch viele Menschen, die haben einen hervorragenden Orientierungssinn, sie können gut Karte lesen und haben ein gutes Gedächtnis für geometrische Figuren. Diese Menschen brauchen kein Navigationssystem und - was noch wichtiger ist: Sie haben Freude an ihren Fähigkeiten und sie freuen sich noch mehr, wenn sie mit diesen Fähigkeiten anderen helfen und sie führen können.  So komisch das auch klingt: Navigationssoftware nimmt ihnen eine Freude im Leben. Und noch mehr: Navigationssoftware raubt Stories. Viele lustige, spannende und schöne Erlebnisse entstehen durch die unterschiedlich verteilten Fähigkeiten in puncto Orientierungssinn. Ist es ein Glück, dass man niemanden mehr nach dem Weg fragen muss und dass man einem Fremden den Weg nicht mehr zeigen muss? Ist es ein Glück, dass man nicht mehr aus Versehen mal an einen anderen Ort kommt? Freuen sich andere Menschen wirklich darüber, dass man sich nicht verfahren hat oder freuen sie sich eher über lustige Geschichten von Menschen, die sich verfahren haben? Staunt man über den Besitzer eines Navigationssystems oder staunt man dann doch eher über einen Orientierungsgenie oder einen Gedächtniskünstler?

Solche Fragen stellen sich, je mehr wir von all diesen technischen Errungenschaften umgeben sind und je selbstverständlicher deren Besitz und Gebrauch geworden ist. Wir finden uns als Menschen in einer Welt wieder, die uns schrittweise zu entmündigen droht. Immer öfter heißt es: Das kann die Maschine besser als du. Dieser Satz erfüllt sich leider nicht nur dadurch, dass Maschinen wirklich immer besser werden, sondern auch dadurch, dass Menschen immer schlechter werden. Speziell dann, wenn man ihnen von Anfang an das Gefühl von Schwäche und Unfähigkeit vermittelt.

Viele (durchaus angenehme) Tätigkeiten werden im Dienste der technischen Weiterentwicklung als lästig oder zeitraubend erklärt, um sie dann von Maschinen erledigen zu lassen. Waren es zu Beginn der Technisierung durchaus noch nervtötende Tätigkeiten, die man gern der Maschine überließ, hat sich die Entwicklung allmählich verselbständigt. Mittlerweile, so scheint mir, raubt uns die Technisierung Lebensqualität unter dem Vorwand von Erleichterung und Zeitersparnis. Kompositionssoftware ist da ein Beispiel von vielen. Das autonome Autofahren ist ein ähnliches Beispiel. Es wird viel Geld in diese Entwicklung investiert, obwohl viele Menschen gern und gut Auto fahren und Verkehrsunfalltote ganz einfach durch Tempolimits  minimiert werden könnten. Mir scheint, dass mittlerweile im Zuge der sogenannten Digitalisierung vermehrt Lösungen für nicht existierende Probleme gesucht werden. Nerds möchten gern beweisen, dass autonomes Fahren möglich ist. Am Ende brauchen sie dafür auch eine Rechtfertigung. Und deshalb wird das Autofahren zu einer lästigen Tätigkeit erklärt, welche der Mensch zudem zu unvollkommen beherrscht. Die Lösung war vor dem eigentlichen Problem da.


Und welches Problem will künstlich intelligente Kompositionssoftware lösen? 
Ist es ein Problem, dass Laien keine eigene Musik schaffen können? Dauert Komponieren zu lang? Haben wir zu wenig Musik? Ist Musik zu teuer? Ist die existierende Musik zu schlecht? Jede einzelne Frage würde ich mit LOL beantworten (= lautes Lachen). Ich sehe kein zugrunde liegendes Problem. Ich will nicht sagen, dass es deshalb vollkommen sinnlos ist, an künstlicher Komposition zu forschen. Ich würde allerdings keinen Cent Wagniskapital in so eine Technologie investieren. Es lohnt sich nicht. Das wird in einer Freeware im Betastadium enden. Es ist Spielerei. Vielleicht ist es Fortschritt. Aber es macht einen Unterschied, ob Dinge lediglich fortschrittlich sind oder ob sie zudem auch noch vorteilhaft sind. Es wäre beispielsweise fortschrittlich und es wäre möglich, dass Menschen auf dem Mond leben würden. Solange das aber nicht vorteilhaft ist, wird es nicht passieren. Die eiskalte Logik des Kapitalismus sorgt wenigstens hier für Sachlichkeit. Und das wird noch viele andere Blütenträume der Digitalisierung treffen. Man wird schnell herausfinden, wo sich komplexe Technik lohnt und wo sie einfach nur Zeit, Geld und Nerven stielt, ohne irgendeinen Vorteil zu generieren. Man wird immer öfter überlegen, ob ein neues Gerät nützlich ist oder ob es nur ein Spielzeug ist, das bald in der Ecke steht, weil es uninteressant geworden ist. Für mich heißt Fortschritt auch: Entscheiden, wo Technik sinnvoll ist und wo nicht.


Beim Songwriting, beim Arrangieren und Produzieren habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Maschine nur dann nützlich ist, wenn man sie zum Sklaven macht und wenn man sich von ihr nicht reinreden lässt. Sobald man der Maschine Entscheidungen überlässt - z.B. durch randomisierte oder undurchsichtige Prozesse, verliert man die Gestaltungshoheit und wird vom Schöpfer zum passiven Zuhörer. Die eigene Intuition ist wesentlich sicherer und zielführender als der Vorschlag der Maschine. Je komplexer die Algorithmen der Maschine sind (z.B. eines Synthesizers), desto schwieriger wird der Eingriff des Gestalters. Man macht sich schnell abhängig von vorgestanzten Mustern (Presets). Gegen eine Inspiration durch vorgefertigte Bestandteile habe ich nichts einzuwenden. Nur habe ich halt die Erfahrung gemacht, dass mir die Arbeit leichter und schneller von der Hand geht, wenn ich jedes Detail der Prozesse verstehe und nach meinem Willen beeinflussen kann. Die Maschine ist nur so gut wie der Mensch, der davor sitzt. Sie macht letztlich keine Geschenke in Form von Resultaten.

Eine komponierende Software spart keine Zeit. Sie stiehlt Zeit, indem man sich in der Auswahl ihrer unzähligen Vorschläge verliert anstatt sich zu fragen, was man eigentlich selber will. Der Ausdrucks- und Gestaltungswillen bleibt der Kern des Werks und er kommt von innen. Manchmal kann sich ein Wille in Form des Spielens/Improvisierens Bahn brechen. Durch bloße Auswahl von Vorschlägen entsteht kein Kunstwerk, zumindest kein gutes oder zumindest kein so gutes, wie es ein konventionell vorgehender Künstler schaffen kann. Computer und Software hat sich für Kunstschaffende bewährt, weil sie die Möglichkeiten des Kreativen erweitert. Wenn sie selber Kreativität übernehmen will, wird sie für den Kreativen nutzlos. Dem Unkreativen wird es vermutlich an Überzeugung fehlen, eine künstliche Komposition als sein Werk auszugeben. Und sollte er es dennoch wagen, wird er ganz schnell in jene Fallstricke geraten, die ja schon Kreativen zum Verhängnis werden, die nicht voll und ganz hinter ihrer Sache stehen.
Künstler, die von einer Sache etwas verstehen, haben keine Angst in Konkurrenz mit der Maschine zu treten. Es sind keine Schachspieler, die sich an Regeln halten müssen. Die Regeln werden von ihrer Fantasie bestimmt und die Maschine läuft ihnen hinterher. Die Maschine komponiert bestenfalls morgen so wie der Komponist von heute.



Die Geburt der Musik aus dem Geiste der Gemeinschaft

Ich behaupte, dass die Musik aus der rhythmischen Bewegung heraus entstanden ist. Und zwar aus der gemeinschaftlichen synchronisierten Bewegung. Beim Hören von Musik verstehen wir uns als Teil einer Gemeinschaft, die sich selbst vermittels organisiertem Klang vergegenwärtigt.

Wie ist die menschliche Musik entstanden? Darüber haben sich bestimmt schon viele Gelehrte den Kopf zerbrochen und sind zu mannigfaltigen Resultaten gelangt, die ich größtenteils nicht kenne. Sicher gibt es irgendeine halbwegs anerkannte wissenschaftliche These, aber ich mache mir jetzt nicht die Mühe, etwas darüber herauszufinden. Ich stelle Ihnen meine Version vor. Die Richtigkeit meiner Idee ist zweitrangig. Mir geht es eher um die Wirksamkeit der Idee in der Herangehensweise an Musik.
Was ist Musik überhaupt? Das allumfassend klären zu wollen, ist mühsam. Was darf man mindestens als Musik bezeichnen und was kann man nicht mehr als Musik bezeichnen?  Wo setzt man die Prioritäten? Beim Klang, bei der Bewegung oder beim Ausdruck?
Ich definiere für mich zunächst, dass Musik etwas rein menschliches ist und in der Natur nicht vorkommt. Mag sein, dass man einen Vogelruf mit Musik vergleichen kann oder dass sich in der Natur Schwingungen, Rhythmen und Harmonien nachweisen lassen. Letztlich findet aber Musik in unserem Kopf statt, nachdem Schall als Musik eingeordnet wurde. Und meine Meinung ist, dass sich das Hören von Musik bzw. das Einordnen als Musik auf zwei menschlichen Fähigkeiten gründet: Bewegung und Stimme. Der Bewegung kommt dabei der gründende Charakter zu. Musik hat etwas mit Zeit zu tun. Metren, Rhythmen und Klänge sind letztlich Schwingungen. Schwingungen basieren auf Zeiträumen. Als der Mensch begann, sich zweibeinig fortzubewegen, wurde aus seinem gleichmäßigen Gang eine Frequenz. Das Ticken einer inneren Uhr. Ein Zweiertakt. Von da an war es nicht mehr weit zum Gleichschritt im Sinne des Tanzes. Das Einschwingen in eine Frequenz wird unterstützt durch Klänge, so wie z.B. die Trommel beim Drachenbootrennen die Ruderschläge synchronisiert. 
Die Musik ist geboren aus dem Bestreben, gemeinschaftliche Bewegung zu synchronisieren. Nicht das Bedürfnis nach Klang bringt den Menschen zur Musik sondern das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Nach Gleichklang mit anderen. Was daraus folgt, ist eine reichhaltige Entwicklung von immer neuen Varianten auf dem Metrum. Das gleichmäßige Ausstoßen von Lauten. Borduntöne, Harmonien und schließlich Melodien. Der Klang an sich ist Nebensache. Musik ist ursächlich weder Harmonie noch Melodie. Musik ist synchronisierte Bewegung. Das gemeinsame Schwingen in einer Frequenz. Das Metrum ist der kleinste gemeinsame Nenner des Tanzes.
Die Entwicklung der europäischen Kunstmusik hat uns ein wenig auf den Holzpfad geschickt, was die Herangehensweise an Musik angeht. Die E-Musik hat einen sakralen Ursprung in einer mittelalterlichen, von Endzeitstimmung geprägten Weltsicht. Tanzen passt dazu nicht. Eher Sitzen und Hören, Ergriffen sein usw.. Hinzukommt der Geniekult, der spätestens in der Romantik den Schöpfer des Werkes und den virtuosen Interpreten in den Mittelpunkt stellt. Diese Form der Musik ist der Sonderfall, nicht der Normalfall. Wer seine Musikpädagogik auf dem Irrtum gründet, dass Musik etwas künstlerisches, schwieriges, elitäres, würdevolles ist, der wird ein unmusikalisches Fußvolk erziehen, das sich von hochentwickelten Formen der Musik mehr und mehr abwendet. Es gibt Musik, bei der klatscht man mit und es gibt Musik, bei der klatscht man danach. Die letztere ist ein Sonderfall, das will ich ausdrücklich sagen, ohne es zu werten.
Die Musik ist aus dem gemeinsamen Tun entstanden, nicht aus der inneren Wahrnehmung des einzelnen. Bei der Musik wird ein Klang unter dem Aspekt des Mit-Tuns reflektiert. Des Mitsingens, des Mitschwingens und im Falle der großen sinfonischen Klänge auch des Mitfühlens. Die Kunstmusik basiert letztlich auf einer starken im Volk verbreiteten Musikalität, die definitiv von gemeinsamer musikalischer Aktivität und nicht vom vielen Zuhören oder vom Üben der Einzelnen getragen wird.
Eine wirksame Musikpädagogik muss meiner Meinung nach genau den Grundcharakter der Musik - die Gemeinsamkeit (das Konzertieren) - in den Mittelpunkt stellen. Wo es nur geht, muss der Lehrer mitspielen. "Solo" geht erst, wenn "Gemeinsam" klappt. Ein frei zu handhabendes Metrum funktioniert erst, wenn ein konstantes Metrum inklusive Takt funktioniert. 




Bewegungsprogramm vor Klangvorstellung

Die Klangvorstellung gilt gemeinhin als Vorbedingung der Klangerzeugung. Das ist für den gestandenen Musiker richtig. Für den Lernenden gilt jedoch meiner Meinung nach genau das Gegenteil. Seine klangliche Intuition und sein Wunsch nach schneller Befriedigung der Klangvorstellung behindern das Erlernen der richtigen Bewegungsprogramme. 

Ich habe in den letzten Jahren sehr viele Anfänger unterrichtet. Die meisten verfügten über wenig musikalische Vorbildung und durchschnittliche natürliche Grundbegabung, was Rhythmik, Gehör, Motorik, Leidenschaft usw. angeht. Das fordert von mir eine relativ mühsame und geduldige Arbeit, aber es verschafft tiefe Einblicke in die Grundlagen des Musizierens. 

Es kann sein, dass ich hier etwas wiederhole, das in Fachkreisen längst bekannt ist: Erstens ist mir der gravierende Unterschied zwischen Klangvorstellung und Bewegungsprogramm aufgefallen. Zweitens habe ich entdeckt, dass die Klangvorstellung - entgegen dem, was man vermuten könnte - nicht am Beginn des Musizierens stehen sollte, sondern das Bewegungsprogramm. 
Mit Bewegungsprogramm meine ich den zeitlich korrekten Ablauf von Spielbewegungen. Das Bewegungsprogramm muss komplett vom Schüler verstanden sein, was häufig mit dem Notenlesen einhergeht. Dann wird es in einem ersten, langsamen Tempo umgesetzt - vom Blatt prima vista. Dann wird es durch eine größere Anzahl richtiger Wiederholungen gefestigt und automatisiert. Erst nach der Automatisierung kann sich nun die Klangvorstellung entwickeln. 

Entgegen der Klangvorstellung, die beim Schüler durch das Hören eines durch den Lehrer gezeigten Klangs entsteht, ist die auf dem eigenen gelernten Bewegungsprogramms basierende Klangvorstellung eine fundierte und gesicherte. Sie führt dann umgedreht tatsächlich zur "guten" Musik, die darauf basiert, dass eine Klangvorstellung zu jener Bewegung führt, die den Klang exakt wiedergibt. Mit anderen Worten: Wir lernen durch die Programmierung von Bewegungen besser, schneller und richtiger als durch Imitation. Insofern kann eine imitatorische Begabung, ein gutes klangliches bzw. rhythmisches Gedächtnis und auch eine Bewegungsbegabung regelrecht hinderlich sein, sich auf dem Instrument wirklich zu verbessern. 

Ich denke dabei auch an den Typ: musikantischer Autodidakt. Mit musikalisch begeisterten Autodidakten, die sich schon etwas selbst beigebracht haben, habe ich aufgrund des oben genannten Umstands oft Probleme. Ihre Klangvorstellung hindert sie daran, das richtige Bewegungsprogramm zu verstehen und langsam einzuprogrammieren. Vielmehr versuchen sie, mit ihren beschränkten spielerischen Mitteln einen Klang zu imitieren, den sie entweder im Kopf haben oder den sie durch ein Hörbeispiel vermittelt bekommen haben. So haben sie bisher halt immer gelernt. 

Langsame Bewegungsprogramme haben mit Musik und Klang fast nichts zu tun. Sie sind eine Art  Achtsamkeitsübung, also für viele eine reine Geduldsprobe. Eingedenk der nötigen Wiederholungen im zeitlichen Abstand auch noch ein Akt der Disziplin und des Willens. Nichts für leidenschaftliche Eiferer. Das alles zahlt sich aber doppelt und dreifach aus, was die Schüler aber erst nach einer Weile mitbekommen. 

Es ergeben sich noch ein paar weitere Schlussfolgerungen aus der Erkenntnis, dass das Bewegungsprogramm die Grundlage des Musikmachens ist und nicht die Klangvorstellung. Rhythmenklopfen beispielsweise ist überflüssig, weil der Rhythmus am Ende im instrumentenspezifischen Bewegungsprogramm verankert ist. Das Singen von Melodien, bevor man sie spielt, ebenfalls. Es bringt rein gar nichts, denn das Gehirn kann nicht gleichzeitig eine Melodie reproduzieren und sich auf die Bewegungsabfolge konzentrieren. Dies würde nur gehen, wenn die Bewegungsabfolge schon fest automatisiert ist. Und genau das ist beim Schüler oft nicht der Fall. 

Wenn bekannte Lieder gespielt werden, ist die existierende Klangvorstellung hinderlich für das richtige Notenlesen, manchmal auch für rhythmische Exaktheit (Noten- bzw. Taktlängen) und für technische Details (Fingersätze). Der gefühlte Klang dominiert und die Folge sind häufig Fehler, die nur unter Frust zu beseitigen sind. Unter Frust deswegen, weil die Befriedigung der Klangvorstellung schon eingesetzt hat und es kaum noch Motivation zur Verbesserung führt. 
Die Klangvorstellung erstmal auszublenden, heißt, deren vorschnelle Befriedigung zu verhindern. Einen bestimmten Klang nicht sofort zu erreichen, mag unbefriedigend und auf Dauer demotivierend sein. Eine schnelle Klangbefriedigung zu erreichen, die auf falschen bzw. ungünstigen Bewegungsabläufen basiert, ist demgegenüber aber eine Todsünde bezogen auf die Weiterentwicklung. Man erkauft einen schnellen Sieg mit schweren Niederlagen in der Zukunft. 

Bei echten Anfängern hat man die Möglichkeit, von Anfang an die Erfüllung der Klangvorstellung an das Lernen der richtigen Bewegungen zu koppeln. Das erfordert allerdings ein darauf abzielendes Konzept. Der jeweilige musikalische Gegenstand muss so beschaffen sein, dass der Schüler in angemessener Zeit vom Bewegungsprogramm zur Klangvorstellung gelangt. Er muss durch die Klarheit und die erkennbare Struktur der Musik von seinem Wunsch nach Klangbefriedigung abgehalten werden. Das ist gar kein Problem, wenn man sich vorstellt, dass es hier maximal um 1-2 Wochen geht, im Vergleich zu den Jahren vorher, in denen er diesen Wunsch auch nicht befriedigen konnte. Der Schüler darf es gar nicht erst anders kennen lernen. 

Zuerst also die rein verstandesmäßige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, dann die Programmierung und das Wiederholen, dann schließlich die Klangvorstellung und deren Befriedigung. Das Ergebnis soll ein Schüler sein, der auf der Basis all seiner eingeübten Bewegungsprogramme beginnt zu musizieren. 

Vorsicht vor dem lehrenden Musiker

Ein ambitionierter oder ein erfolgreicher Musiker, der lehrt, wird über kurz oder lang feststellen, dass ein auf seinen Lernerfahrungen gestütztes Lehrkonzept bei den wenigsten funktioniert. Er überfordert den Durchschnittsschüler. Und das hat die Folge, dass dieser weniger Nutzen aus dem Unterricht zieht, als wenn er beispielsweise von einem Gitarre spielenden Ergotherapeuten unterrichtet werden würde.  

An meine ersten Jahre des Unterrichtens nach dem Studium denke ich mit Grauen zurück. Nicht dass ich mich damals schlecht gefühlt hätte. OK, kaum einer unterrichtet gern Vollzeit. Jeder träumt davon, eines Tages auf der Bühne mit der Musik seines Herzens Geld zu verdienen - klar. Nein, das Gefühl mit einer sinnvollen Tätigkeit relativ frei ein erstes Gehalt zu erarbeiten, war gar nicht so schlecht. Das Grauen schleicht sich heute ein, wenn ich mich in die Schüler von damals hinein versetze. 

Ein frisch gebackener Absolvent steht in gewisser Weise im Zenit, was seine Energie im eigenen musikalischen Schaffen angeht. Vermutlich wird er nie wieder im Leben so hart an sich arbeiten wie während des Studiums. Ein solches Energiebündel wird nun auf die Schüler losgelassen. Freilich gibt es eine pädagogische Ausbildung, die ich in meinem Fall in Bezug auf die Gitarre auch als hervorragend bezeichnen würde - ich nenne jetzt ausdrücklich den Namen Frank Hill. 
Auf was man aber nicht wirklich vorbereitet sein kann, ist die allmähliche Erfahrung des himmelschreienden Unterschieds der musikalischen Ambitionen des jungen Lehrers und der des Schülers. Meine erste Schülerin hätte ich bezogen auf das Lerntempo als durchschnittlich bis schlecht eingestuft. Nach etlichen weiteren Schülern jedoch stellte sie sich als die beste von allen heraus. Meine Vorstellung vom "Durchschnitt" war also total falsch. 

Wer Profimusiker wird, muss davon ausgehen, dass fast alle seine Schüler völlig anders sind als er, denn fast alle werden keine Profimusiker. Deswegen scheinen sie ihm überdurchschnittlich schlecht zu sein. Er braucht ein paar Jahre, um den Schnitt zu finden und vermutlich noch ein paar weitere um sich wirklich darauf einzustellen. Es braucht seine Zeit zu begreifen, dass die Schüler nicht im geringsten solche Ambitionen zur Musik haben wie er selbst und dass sie diese auch nie entwickeln werden, egal wie sehr man sich bemüht. 

Eine Mutter erzieht die Tochter in etwa so, dass sie selber wieder Mutter wird und ihre Tochter ebenfalls zur Mutter erzieht usw.. Der unterrichtende Profimusiker allerdings erzieht Amateure.

Jungen angehenden Lehrern, - egal ob sie vom Studium kommen oder sich als gestandene Amateure zum Gitarrenlehrer hin entwickeln wollen - passiert es erst einmal, dass sie einen viel zu hohen Anspruch an die Leistung und das Interesse des Schülers haben. Das merkt er am Anfang gar nicht, weil der Schüler ihm - dem frischen, sympathischen Lehrer und seinem pädagogischen Elan - vertraut und sich redlich bemüht. Doch nach einer Weile stellt er fest, dass der versprochene Weg einfach nicht funktioniert. Das Lehrbuch, das sein Lehrer damals in einem Jahr durchgespielt hat, hat  200 Seiten. Der Schüler aber ist nach einem Jahr auf Seite 15 und kann sich den Rest ausrechnen. 
Bis der junge Lehrer sich angepasst hat, vergehen wie gesagt ein paar Jahre - die Art der Anpassung reicht hier von revolutionären eigenen Unterrichtskonzepten bis hin zur emotionalen Totalverweigerung am Job - oder Quatschen statt Unterrichten. 


Ich muss schmunzeln, wenn ich auf Youtube multimedial fitte Gitarristen sehe, die eigene Lehrvideos hochladen - speziell im Segment: Anfänger. Wenn die ihre 1000 Abonnenten beobachten könnten, würden sie merken, welche krassen methodischen und didaktischen Fehler ihnen unterlaufen sind und welche klassischen Probleme sich dadurch bei vielen Anwendern über kurz oder lang einstellen.  Desweiteren die illusorischen Vorstellungen von Zeiträumen, in denen Dinge wirklich als gefestigt und gelernt betrachtet werden: "Hallo, gestern habt ihr die Akkorde D, G und A kennengelernt. Heute wollen wir  uns mit dem Fingerpicking beschäftigen."
Es hängt auch damit zusammen, dass sie sich als ihre eigenen Schüler vorstellen, dabei aber vergessen, dass sie selber wohl eher die Ausnahme sind. Sich selbst als Schüler vorzustellen, ist ja ein guter Weg zu sauberer Didaktik. Aber welche fantastischen Fehler und welche tollen Missverständnisse es in der Praxis gibt, kann man sich wirklich nicht an sich selbst vorstellen. Das ist eine Welt für sich, die man erst bei 50 Schülern plus mitbekommt. 

Und da sind wir direkt bei der nächsten Sache, die einem Lehrer mit Elan passieren kann: das Enzyklopädie-Konzept. Man entwirft solche Konzepte meist dann, wenn man in seinem eigenen riesigen Fundus Ordnung schaffen will. Das was der Schüler am meisten will und braucht, wird in einem riesigen Karton mit jeder Menge Beipack geliefert. Das haben die Werke so an sich, mit denen man sich selbst eine Ordnung an Techniken, Übungen und Begriffen geschaffen hat, und von denen man glaubt, sie würden den Schüler genauso erfreuen wie einen selbst. Der Schüler allerdings wird von der Enzyklopädie erschlagen, weil er nicht im Ansatz über die musikalische Erfahrung verfügt, die das vom Profi gewählte Maß an Genauigkeit und Vollkommenheit  rechtfertigen würde.

Für mich hat Lehren mit dem, was ich als Musiker bin oder mache, erstmal nichts zu tun. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Musikersein eine Kontraindikation für Lehrersein ist. In der Not frisst der Teufel aber Fliegen und man ist als Musiker dann doch lieber Gitarrenlehrer als Kellner. 
Die häufigsten Worte, die ich im Unterricht verwende sind: Eins, Zwei, Drei und Vier. Ergotherapeut - Spezialrichtung zeitgebundene Feinmotorik wäre die treffende Berufsbezeichnung. Es hat mit dem, was ich mal studiert habe, nichts zu tun, außer dass ich damals etwas über die physiologischen Zusammenhänge beim Gitarrenspiel erfahren habe, auf das ich vermutlich nie gekommen wäre - egal wie lange und wie gut ich ohne Studium Gitarre gespielt hätte.  
Das hilft, die immergleichen Probleme zu analysieren und zu lösen und intelligente Wege zu suchen, die dem Schüler das Lernen so leicht und erfolgreich wie möglich machen. Wie ein Therapeut eben. Aber nicht wie ein Musiker, der glaubt, dass sich seine Fähigkeiten auf den Schüler übertragen, so wie etwa das Kind das Sprechen durch das Nachahmen der Eltern lernt. Das funktioniert einfach nicht, dazu ist der Unterschied zwischen einem unterrichtenden Musiker und einem ganz normalen Schüler viel zu groß.   

MMM - die 3 M für den guten Gitarrenlehrer


Was macht einen guten Gitarrenlehrer aus? Für mich stehen hier 3 M. Das erste M für den Menschen, das zweite M für den Musiker und das dritte M für den Musikpädagogen.  

Bildung ist keine reine Lernstoffvermittlung. Wenn Politiker oder Unternehmer von Bildung sprechen, meinen sie meistens die Qualifikation zu bestimmter geldwerter Tätigkeit. Bildung kommt jedoch nicht ohne Erziehung und ohne Beziehung aus. Der privat tätige Musiklehrer wird als Bildungsdienstleister wahrgenommen. Von ihm würde man am wenigsten eine persönliche Beziehung zu seinen Schülern erwarten, weit weniger als z.B. von einem Schullehrer mit staatlichem Bildungsauftrag. 

Ich denke aber, dass das erste M, das für Mensch steht, von den Schülern am meisten nachgefragt wird. Gerade weil der meiste Instrumentalunterricht im Einzelunterricht stattfindet, sucht man nach einem sympathischen, umgänglichen und freundlichen Lehrer. Wenn er überdies noch unterhaltsam und humorvoll ist, braucht er in der Probestunde die Gitarre gar nicht raus zu holen - es ist dem Schüler nämlich erstmal egal, wie gut der sympathische Lehrer spielen kann. Er möchte sich wohl und entspannt fühlen. Viele Schüler sind am Beginn der Ausbildung sehr unsicher, ob sie denn wirklich zum Gitarrelernen geeignet sind, ob das was für sie ist usw.. Eine entspannte Atmosphäre befreit sie ein Stück weit von diesem Druck. 

Erst in zweiter Instanz interessiert sich ein Schüler für die Qualifikation des Lehrers. Und diese macht er als erstes an dem fest, was er vom Lehrer hört - das M für den Musiker. Hier fliegen dem Musikanten die Herzen des Publikums zu. Nicht dem selbstverliebten Virtuosen. Wenige Töne reichen auch dem Laien aus, um zu hören, ob da ein Profi am Werk ist oder nicht. Ein ganz normaler Schüler hat kaum die Gelegenheit, einem halbwegs guten Gitarristen zuzuhören und ist deswegen relativ leicht zu beeindrucken. Ein Musikant wirkt einladend und motivierend. Er kann den Spaß an der Musik vermitteln und lenkt ab von dem Ernst, der den Schüler eh viel mehr beschäftigt als den Lehrer. Auch hier bevorzugen die Schüler also das krampflösende Mittel - den singenden Alleinunterhalter, den Spaßmacher, den Praktiker. Der bierernste Gitarre-ist-schwer-und-brotlos-Musikpädagoge hat es da schwerer. 

Wovon der Schüler überhaupt keine Ahnung haben kann, ist die Musikpädagogik. Die Wirksamkeit der Mittel des Lehrers ist reine Vertrauenssache, die sich dummerweise aus den ersten beiden M's von selber ergibt. Das ist sicher bisschen schade, denn ich persönlich halte die Langzeit-Erfahrung mit möglichst vielen Schülern für einen ganz wesentlichen Faktor der Professionalisierung und demzufolge das letzte M (für Musikpädagoge) als das für den Schüler wertvollste. Wenngleich es der Schüler kaum einschätzen und vergleichen kann. Ein introvertierter, musikalisch hölzerner Typ kann mit den richtigen Methoden ein richtig guter Lehrer sein. 
Stellen Sie sich einen Arzt vor, der als Mensch schrecklich ist, der aber eine Therapie hat, die Sie gesund macht. Gerade bei Medizinern möchte man meinen, dass Sympathie und Kompetenz miteinander verbunden sind. Genauso aber kann Inkompetenz mit menschlich anziehenden Qualitäten getarnt werden, oder auch Geschäftsgebaren mit außerordentlicher Freundlichkeit usw.. 

Alle drei M's gehören zusammen, sie werden nur vom Schüler in entgegengesetzter Reihenfolge bewertet wie vom Gutachter. 
Ein Schüler kann sich in 3 Jahren Gitarrenunterricht richtig wohl fühlen und dann feststellen, dass er trotz Sympathie zu einem guten Musiker nicht weit gekommen ist. Oder noch viel häufiger und schlimmer: Gewisse Mängel und Fehler in der Musikpädagogik seines Lehrers kann er nicht erkennen, und sucht die Schuld bei sich ("Ich bin untalentiert"). Oder der sympathische Lehrer forciert am Ende Frust ("Du musst mehr üben"). Umgekehrt kann sich ein anfangs etwas anstrengendes Verhältnis zum Lehrer stetig mit dem Erfolg und dem Spaß am Können verbessern. 

Ich habe mal gelesen, dass das Verhältnis zum Psychotherapeuten der wichtigste Faktor für den Erfolg der Therapie ist. Im gleichen Artikel allerdings las ich, dass die Wirkung bestimmter Therapien und Ansätze nicht nachgewiesen werden konnte. Ein passender Therapeut kann am Ende also mit einer unpassenden Therapie genauso erfolgreich sein wie ein unpassender Therapeut mit einer passenden Therapie. So in etwa scheint es auch im Gitarrenunterricht zu sein. Ein Placebo-Effekt sozusagen, der entsteht, wenn sich der Schüler mit Hilfe der entsprechenden menschlichen Anregung selber über die mangelnde Wirksamkeit des Lehrerkonzeptes hinweg hilft. 
Am Ende scheinen also in der Praxis alle M's das gleiche Gewicht zu haben.