Zu Hause hat es geklappt ...

Recht häufig wundern sich Schüler, warum sie im Unterricht schlechter spielen als zu Hause. Die Gründe dafür liegen nicht nur im Lampenfieber. Die Erfahrung des "Versagens" ist für die musikalische Entwicklung wichtig, sofern sie nicht zu sehr psychologisiert und damit vertieft wird. 

Eins vorneweg. Für einen live spielenden Musiker gibt es keine Entschuldigung, wenn etwas auf der Bühne nicht klappt. Es gilt dann als nicht gekonnt. Das ist wie beim Sportler: Die Leistung zählt im Wettkampf, nicht im Training. 
Kleine zufällige Fehler passieren immer, aber wenn etwas auf der Bühne schief läuft, dann ist es nicht perfekt genug. Jeder Musiker weiß, dass in der  Livesituation selten eine maximale Leistung erreicht wird. Man muss immer "drüberstehen"- also noch ein bisschen besser sein als das, was man spielt. Die Überzeugungskraft des Musikers ist wesentlich davon abhängig. 

Nicht wenige Schüler beklagen speziell im Anfangsunterricht, dass sie in der Gitarrenstunde nicht die Leistung von zu Hause abrufen können. Das geht soweit, dass gerade Erwachsene das für psychisch unnormal halten und regelrechte Komplexe entwickeln. Ich möchte das Psychologisieren aber unbedingt vermeiden, denn es überlagert die Freude an der Musik. Außerdem führt es bei grüblerischen Naturen zu einer Vertiefung des Problems. Deswegen sage ich den Schülern, dass der Verlust von Leistung in der Vorspielsituation im Unterricht ganz normal ist und folgende logische Gründe hat.

Vorspielsituation/ Angst/ Lampenfieber

Für den Schüler ist das Vorspielen im Unterricht die erste und lange auch einzige Bewährungssituation für das Erlernte. Wie gesagt - gerade bei Erwachsenen erlebe ich häufig, dass sie speziell die Situation des Alleinspielens als unangenehm empfinden. Sie machen sich mehr als Kinder Gedanken, was ich wohl von ihnen denke, wenn sie etwas nicht richtig können. Vor allem dann, wenn sie wirklich geübt haben. Die eigene negativ besetzte Denkweise führt zu noch mehr Anspannung als sie in jeder  Prüfungssituation sowieso schon ist. Das Adrenalin sorgt für Konzentration, doch meistens ist das Ziel der Konzentration auch die Angst vor dem Versagen. Unter Angst erhöht sich der Muskeltonus, unbewusst und unbemerkt. Allein das behindert die Bewegungen - ihre Präzision, die Flüssigkeit und die Schnelligkeit. Die nervlichen Prozesse sind auch betroffen - Übersicht, Ruhe, Erinnerung. Man kann an dem Problem der Prüfungsangst arbeiten. Vor allem kognitiv, indem man sich fragt, wovor man denn Angst hat. Denkt man die Kette der Gründe für Angst konsequent zu Ende, bleibt meistens nichts, was wirklich bedrohlich wäre. 

Ich als Lehrer versuche den Druck zu verringern, indem ich keine Perfektion verlange, sondern in erster Linie das "Dranbleiben" innerhalb des Stückes.

Andere Umgebung


Das musikalische Handwerk ist von einem Zusammenspiel von muskulären und nervlichen Prozessen gekennzeichnet. Diese Prozesse hängen durchaus auch von der Umgebung ab. Die Finger und der Kopf müssen präzise Arbeit leisten. Wenn dann z.B. die Koordinaten von Bewegungen an eine ungewohnte Spielsituation angepasst werden müssen, führt das schnell zur Konfusion. Beispiele: Die Fußbank ist bisschen höher oder der Sitz etwas niedriger, der Notenständer etwas höher oder etwas weiter links oder rechts. Eines von dem reicht,  und Fehler in den Abläufen werden wahrscheinlicher. Eine andere Umgebung bedeutet immer auch einen anderen Klang. Nichts ist irritierender als ein ungewohnter Klang seines Instrumentes. Sofern es nicht ein besserer Klang als der gewohnte ist, tritt ein unangenehmes Gefühl ein. Dies wird unterschätzt. 


Hat es zu Hause auf Anhieb geklappt?

Wenn man zu Hause geübt hat, erinnert man sich meist an den letzten Durchgang. Wenn dieser gut lief, dann bleibt in der Erinnerung verankert, dass es geklappt hat. Meist übt man auch so lange bis es geklappt hat. Im Unterricht allerdings zählt der erste Durchgang. Wenn es dann nicht klappt, wundert man sich, da es ja zu Hause geklappt hat. Man unterschlägt aber, dass es zur gleichen Zeit zu Hause möglicherweise beim ersten Mal auch nicht geklappt hätte. Man vergleicht also falsch. Ich erlebe oft, dass der First Take im Unterricht nicht der beste ist.


Selbsttäuschung

Viele Schüler sind nicht wirklich in der Lage, ihre Leistung genau zu kontrollieren wenn sie selber spielen. Man verzählt sich oder man spielt etwas falsches ohne es zu merken. In der Vorspielsituation, speziell in der, in der ich mitspiele, treten diese Fehler oder Unsicherheiten deutlich zu Tage. Sie können dann nicht plötzlich behoben werden und führen zu Verunsicherung sowie zu weiteren Fehlern. Zu solchen, die man zu Hause tatsächlich noch nicht gemacht hat. Aufgrund der Konzentration, die die Vorspielsituation fordert, werden die Fehler dann auch noch gelernt, so dass sie den Schüler vollends aus der Fassung bringen.

Instabile Phase/ Toter Punkt

Dieses Phänomen werden auch erfahrene Musiker an sich beobachten und ich werde dazu auch noch einen eigene Artikel schreiben. Innerhalb der Lern- und Übestufen eines Stückes kommt es an unterschiedlichen Stellen zu "toten Punkten", an denen man sich scheinbar zurück entwickelt und trotz Übens schlechter wird. Ich vergleiche das mit der Dramaturgie eines Hollywood-Films, bei dem meistens gegen Ende in der Handlung ein retardierendes Moment eintritt, an dem nichts mehr geht, der aber schließlich zum Happy End führt. Kurz vor einem Entwicklungsschritt scheint uns das Gehirn auf die Probe zu stellen und tut so, als ob es eigentlich gar nichts gelernt hat. Manchmal kann genau dieser Moment im Unterricht eintreten. Das ist gar nicht so schlecht, denn mit meiner Hilfe kann dieser Punkt noch besser überwunden werden.  


Die Pleite beim Vorspiel empfindet der Schüler als ungerecht. Aber er hat die eben genannten Faktoren unterschätzt.  Mit der Zeit lernt er das Prinzip kennen, kann sich selbst besser einschätzen und gewöhnt sich natürlich auch besser an die Unterrichtssituation.
Es gibt da so eine Faustregel: Was zu Hause dreimal hintereinander fehlerfrei klappt, das kann man auch in einer Vorspielsituation überzeugend abliefern. Dann auch mit weniger Versagensangst, vielleicht sogar mit einem gewissem Stolz über die eigene Leistung. Wer gut vorbereitet ist, braucht nichts zu befürchten. Das ist die allereinfachste Antwort auf die Frage, warum es im Unterricht nicht klappt, aber eben auch die für den Schüler unangenehmste.



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