Strukturwandel im Instrumentalunterricht

Der Unterscheid zwischen staatlichen und privaten Musikschulen ist kaum noch wahrnehmbar. Das kommt nicht von ungefähr und es hat Folgen für den Musikpädagogen.

In einigen Texten habe ich vermutet bzw. festgestellt, dass sich der moderne Musikpädagoge nicht (mehr) auf grundmusikalische Fähigkeiten bei seinen Schülern verlassen kann. Ich habe einige Gründe dafür angeführt. Jetzt aber denke ich, dass der wohl entscheidendste Grund für das scheinbar sinkende Einsteigsniveau im Instrumentalunterricht die Folge des gewandelten Systems der musikalischen Bildung ist. Ich spreche hier mal vom "alten" und vom "neuen" System. Das alte System ist die mit Forderung verbundene Förderung. Das neue System ist der liberale Markt.

Ich kann mich erinnern, dass in der DDR ein subventioniertes Musikbildungssystem herrschte (wie z.B. auch im Sport), das (fast) kostenlose Ausbildung gegen Leistung bot. Wer Leistung brachte, durfte bleiben, Leistungsschwäche wurde ausgesiebt. Im Westen dürfte die "Staatsquote" parallel niedriger gewesen sein, aber immer noch höher als heute. Heute - im gewandelten System - unterscheiden sich die Ausbildungskosten staatlich geförderter Bildungseinrichtungen nicht mehr wesentlich von denen ungeförderter, rein privater Einrichtungen. Es gibt zwar qualitative Unterschiede, die sich u.a. aus der besseren Qualifikation und Bezahlung der Lehrkräfte ergeben. Zwei Dinge jedoch sind in den letzten 30 Jahren allmählich anders geworden: Erstens ist die Ausbildung durchaus eine Frage des Geldes geworden und zweitens kann sich der Ausbilder nicht mehr auf das Privileg des Schülers berufen, um Leistungsdruck auszuüben.

Die erste Folge hat aus einem leicht verständlichen Grund wenige Auswirkungen. Wer eine Unterrichtsgebühr von 80 EUR monatlich nicht aufbringen kann, der wird sehr wahrscheinlich von vornherein zu einer sogenannten "bildungsfernen" Schicht gehören, welche einer guten musikalischen Bildung eher wenig Wert beimessen wird. Anders gesagt: Bei den nunmehr Ausgeschlossenen besteht kaum Nachfrage.
Ich finde es prinzipiell nicht gut, wenn es für Bildung jedweder Art Herkunftsbarrieren gibt. Es fällt allerdings nicht ins Gewicht, weil es Tradition hat. Und die Begründer der liberalen Wende dachten folgendes: Warum sollen Bildungsbürger, die sowieso zu den Einkommensstärkeren gehören, ihre musikalische Bildung gemeinschaftlich gefördert bekommen? Es wäre nicht so gekommen, wie es jetzt ist, wenn diese Argumentation nicht so erdrückend plausibel klingen würde.
Aber das Problem liegt genau auf der anderen Seite begraben: Menschen, die im "alten" System weder anfangen, noch hätten bestehen können, strömen nun hinein. Warum? Weil sie es bezahlen können. Krass gesagt: Das ist so wie mit selbstfinanzierten privaten Reisen ins Weltall. Wer bezahlt, darf fliegen. Ein Markt entsteht, und die gelenkte, staatlich finanzierte Raumfahrt gerät in seinen Schatten.

Der freie Markt führt Anbieter und Nachfrager einer Leistung zusammen. Der für die Leistung zu zahlende Preis wird nicht festgelegt, sondern ermittelt sich aus dem, was der Leistende haben will und dem, was der Zahlende zu geben bereit ist. Für ein leistungsstarkes Bildungssystem wäre entscheidend, dass die besten Schüler zu den besten Lehrern gelangen. Tendenziell aber sorgt der Markt erst einmal dafür, dass die besten Lehrer den höchsten Preis verlangen, und demzufolge die besten Schüler den höchsten Preis zahlen müssten, um zum besten Lehrer zu gelangen. Wer den höchsten Preis zahlen kann und will, ist nicht automatisch der beste, wenngleich die Zahlungsbereitschaft auch von der Ambition bestimmt wird.
Der beste Lehrer wird auf dem freien Markt vor die mehr oder weniger moralische Entscheidung gestellt, ob er lieber den schlechteren Schüler für mehr Geld oder den besseren Schüler für weniger Geld unterrichten will. Dem Lehrer mag geholfen sein, wenn er sich für ersteres entscheidet. Das System als ganzes verliert jedoch an potentieller Leistungsfähigkeit.

Die Liberalen gehen davon aus, dass der Kostendruck des Marktes größtmögliche Qualität erzeugt. Aber sie verschweigen, dass  vom Privileg einer geförderten, vom Geldbeutel unabhängigen Bildung genauso ein  Qualitätsdruck ausgeht. Dieses Druckmittel, das Leistung vom Geförderten fordert, fehlt im freien Markt. Der Lehrer verkauft in erster Linie seine Zeit an Menschen, die den Preis dafür zahlen. Er lernt, dass die vom Markt verlangte Qualität seiner Tätigkeit oft nicht jene Qualität ist, die man aus fachlicher Sicht erwarten könnte. Und nebenbei gelangen so auch Anbieter auf den Markt, denen es an fachlicher Qualität von vornherein mangelt, die aber die Nachfrage nach nicht fachlicher Qualität befriedigen können. Für manche Nachfrager ist z.B. ein Inklusiv-Getränk zum Unterricht möglicherweise wichtiger als der Berufsabschluss  des Lehrers.

Zu den Menschen, die von der marktliberalen Bildungsstruktur profitieren, gehören z.B. Erwachsene. Jene also, die in einem System der subventionierten Kaderbildung keine Chance hätten. Aber es gehören auch Kinder dazu, die keine Eignungsprüfung im alten System bestanden hätten. Ich denke, dass heute mehr Menschen Musikunterricht nehmen. Und vor allem länger. Der private Sektor hat sich vergrößert. Folgerichtig betrifft das vor allem populäre Instrumente: Allen voran Gitarre und Klavier/Keyboard. Das ist zu begrüßen. Aber man muss damit leben, dass Instrumentalunterricht dadurch anders wird. Das Einstiegsniveau ist wie gesagt niedriger. Die Progression ist geringer und führt meist nur auf ein gewisses Plateau, auf dem man dann verweilt. Aus Bildung wird ein stück weit Unterhaltung - sagen wir mal etwas überspitzt: Musizier-Wellness.

Ich finde das alles nicht negativ. Wer in diesem Markt tätig ist, muss sich anpassen. Aber ich finde auch, dass es daneben nach wie vor einen starken subventionierten und damit leistungsorientierten musikalischen Bildungssektor geben muss, in dem gute Lehrer mit Schülern arbeiten, von denen Leistung gefordert werden kann. Der Markt ist kein Allheilmittel und im Bereich der Bildung erst recht nicht.
Ich denke da an rein staatliche Musikschulen, an denen eine begrenzte Schülerzahl eine maximal symbolische Gebühr zahlt. Gut qualifizierte und gut bezahlte Lehrer unterrichten dort nur leistungs- und prüfungsorientiert. Diese Leuchttürme würden dann auch auf den ja durchaus notwendigen freien Markt ausstrahlen und Orientierung liefern. 




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