Weihnachtszeit, schönste Zeit

Ich schätze, dass mir kein Instrumentalpädagoge widersprechen wird: Die Weihnachtszeit - genau genommen die Adventszeit - ist im Instrumentalunterricht die angenehmste und vielleicht auch produktivste Zeit im ganzen Jahr.

Die Symbiose von Weihnacht und Musik

Weihnachten und Musik gehören zusammen. Oder wie es Nietzsche vielleicht gesagt hätte "Ohne Musik wäre Weihnachten ein Irrtum". Kinder wachsen in aller Regel mit sehr positiven Gefühlen gegenüber Weihnachten auf, denn schließlich gibt es Geschenke. Später erwächst daraus in der Regel ein Gesamtpaket der Freude, in dem die Stimmung des Festes eine größere Rolle spielt. Musik ist darin tief eingewoben. Zum einen das Musikhören, aber zum anderen auch das Musikmachen - bei all jenen, die in irgendeiner Form musikalisch ambitioniert sind.
Ich frage meine Schüler, ob sie in der Vorweihnachtszeit etwas Weihnachtliches spielen wollen. Fast alle wollen das, sogar Jugendliche in der Pubertät. Die Weihnachtszeit scheint eine Zeit der musikalischen Motivation zu sein. Und damit ist sie ein Beispiel dafür, wie sehr ein aktiver, alltäglicher Umgang mit Musik die Menschen beflügeln kann, selbst musikalisch aktiv zu werden.

Die weihnachtliche Musizierpraxis

Die simpelste Form des aktiven Musizierens ist das Singen. Ich frage speziell die jüngeren Schüler, ob denn bei ihnen zu Weihnachten zu Hause gesungen wird und sie dabei als Gitarrenbegleiter fungieren können. Die Antworten sind gemischt - von "gar nicht" bis "auf jeden Fall". Großeltern zeigen sich meist sangesfreudiger als Eltern. Mütter wiederum sangesfreudiger als Väter.
Ich finde es wesentlich schöner, wenn alle gemeinsam musizieren. Ungünstig finde ich, wenn das Kind traditionell zu Weihnachten (vor dem Weihnachtsmann) solo beweisen muss, dass sich die Musikschulgebühren gelohnt haben.
Zu Weihnachten werden von den Älteren vorhandene Instrumente und Noten entstaubt. Liederalben mit Weihnachtsliedern werden durchgespielt. Mitunter entstehen kleine Sessionbands aus Sängern, Instrumentalisten und Begleitern. Eine wirklich gute Sache, die in anderen Musikkulturen und Musikzeiten das ganze Jahr über selbstverständlich ist.
Zudem geht eine große Zahl von "Kirchenmuffeln" zu Weihnachten in die Kirche und wird dort sozusagen mit Live-Musik konfrontiert, speziell mit dem Gesang der Gemeinde.

Der weihnachtliche Liederschatz

Die weihnachtliche Liedgutkenntnis ist im Vergleich zur Volks- und Kinderliedkenntnis besser. Allerdings sind manche Lieder aus der zweiten Reihe und mit starkem christlichen Bezug gänzlich unbekannt, die mir persönlich als Kind (DDR!) sehr geläufig waren - z.B. "Kommet ihr Hirten" oder "Ihr Kinderlein kommet". Aber die deutschen Klassiker "Stille Nacht", "O Tannenbaum" und "Leise rieselt der Schnee" sind nach wie vor bekannt und beliebt. Eins der bekanntesten Weihnachtslieder unter Kindern ist jedoch die "Weihnachtsbäckerei" von Rolf Zuckowski. Vermutlich weil es in Kindergärten oft vorgestellt wird. Hinzukommen Radio-Hits wie "Last Christmas" oder englische Klassiker wie "Jingle Bells". Wie im Musikunterricht in der Schule das ganze Jahr über üblich, wendet man sich auch zu Weihnachten vom klassisch deutschen Liedgut ab und schwenkt eher Richtung U-Musik. "Let it snow" oder "Little Drummer Boy" laufen den deutschen Klassikern den Rang ab.
Die Kenntnis von Liedern hat nicht nur eine größere Motivation zur Folge, sondern auch einen schnelleren Zugang zum Spielen. Der Rhythmus der Melodie ist bekannt und muss nicht erarbeitet werden. Falsch geübte Töne sind eher ausgeschlossen, da der Tonhöhenverlauf vom Ohr kontrolliert werden kann.
Weihnachtslieder haben nicht das leidige Textproblem der Volkslieder aus vorangegangenen Jahrhunderten, in denen "Mägdelein herzallerliebst um den Lindenbaum tanzen". Die Weihnachtstexte wirken nicht altbacken. Und das auch, weil sich Weihnachten selbst als ein Fest der Tradition und der alljährlichen Rituale behauptet hat. Wobei das Wort "Fest" durchaus auch für "fest" im Sinne von "es war, es ist so und es bleibe so" verstanden werden kann.

Weihnachten für Fortgeschrittene

Weihnachtslieder sind ein hervorragendes Studienobjekt. Die Vielfalt der geläufigen Weihnachtslieder macht formale Analysen interessant. Wo kommt ein Lied her? Wann ist es entstanden? Was gibt es daran zu entdecken? Wie ist es einzuordnen?
Ich finde es gut, wenn ein fortgeschrittener Schüler ein versierter Begleiter ist und ein gewöhnliches Weihnachtsliederalbum  mehr oder weniger vom Blatt begleiten kann. Dazu ist ein gewisses Stilgefühl innerhalb des Weihnachtsthemas nützlich. "Kling Glöckchen ..." bedarf einer anderen Begleitung als "Es ist ein Ros' entsprungen". Hier die richtigen Mittel ohne Hilfe zu finden, ist eine Herausforderung.
Die Weihnachtszeit ist Blattspielzeit: Mal schnell eine Melodie spielen. Mal schnell eine Begleitung in der Text-Akkord-Schreibweise improvisieren. Oder gar mal schnell ein Leadsheet in eine mehrstimmige Bearbeitung verwandeln. In dem Falle hilft "viel" viel. An möglichst vielen Beispielen versuche ich praktische Aufgaben zu stellen, deren Nützlichkeit dem Schüler sofort klar ist.

Weihnachten ist Prüfungszeit

Anhand ganz praktischer Einsatzbeispiele kann ich als Lehrer zur Weihnachtszeit den Leistungsstand des Schülers überprüfen. Kann er eine Melodie vom Blatt spielen? Kennt er alle Akkorde einer Begleitung? Sind passende Begleitpattern abrufbereit?
Ich bin manchmal negativ überrascht, wie schnell Lerninhalte durch die Progression des Unterrichts wieder in Vergessenheit geraten. Die Weihnachtszeit bietet die Möglichkeit der Auffrischung. Mein Lehrziel ist einer Musikerpersönlichkeit, die etwas (und ist es noch so wenig) wirklich richtig kann, und nicht alles mögliche nur so ein bisschen kann. Ich weiß, dass viele Schüler aus diversen Gründen nur ein relativ geringes Level erreichen können, aber dieses Level muss dann auch gesichert sein, damit Musizieren möglich wird. Drei Akkorde reichen für ein kleines Weihnachtsprogramm - und das kann jeder auch ohne viel Üben erreichen und für sein ganzes Leben behalten.
Wenn ein Schüler irgendwann den Unterricht aufgibt, später aber trotzdem alljährlich zu Weihnachten seine Gitarre aus dem Schrank holt und für sangesfreudige Familienangehörige begleitet, dann habe ich nicht nur das menschenmögliche als Lehrer getan, sondern ich habe das Maximum dessen erreicht, was bei den allermeisten möglich ist.

Allen, die diese Zeilen in der Weihnachtszeit lesen, wünsche ich "Frohe Weihnachten" und allzeit eine entspannte musikpädagogische Adventszeit.





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