Was war zuerst da - Melodie oder Harmonie?

Die Archäologie wird nie eine sichere Antwort auf die Frage geben können, wie unsere Vorfahren den musikalischen Klang erfanden. Ich behaupte deswegen frank und frei, dass die Melodie aus der Harmonie geboren wurde und nicht umgekehrt - wie man es gerade aus didaktisch geprägter Sicht sehen würde. 

Was war zuerst da - Melodie oder Harmonie? "Was für eine komische Frage" werden Sie denken. Und wie immer lehne ich aus Zeitgründen eine umfangreiche Recherche zu dem Thema ab. Theorien über die Entstehung von Musik und ihrer Struktur lassen sich eh nicht archäologisch nachweisen. Wir haben es mit Vermutungen zu tun, die letztlich aber immer auch Annäherungen aus unserer Gegenwart sind. Solche Annäherungen sind meist gefärbt durch unser heutiges Verständnis von Musik und unsere Musikpraxis. Ich kann es nicht belegen, aber ich schätze, dass man sich im allgemeinen zum Werdegang der Musik folgendes vorstellt: Zunächst hat der einzelne Mensch seine Fähigkeit zum Singen entdeckt, und dann vielleicht in Nachahmung von Vogelgesängen Melodik entwickelt. Dann kamen andere hinzu und man hat im Zusammenklang des Gesangs mehrerer Menschen die Harmonie entdeckt. Harmonien würden sich demnach also aus der Summe von  Melodien ergeben. Klingt plausibel. Ich behaupte aber das Gegenteil.

Schauen wir uns Musik einmal von der naturwissenschaftlichen Seite an, dann bekommen wir schnell ein Problem mit den Begrifflichkeiten. Physikalisch gesehen gibt es nämlich in der Natur keine Melodien, sondern nur harmonische Klänge. Eine Melodie im menschlich-musikalischen Sinne ist eine Abstraktion. Die Abstraktion besteht darin, dass man einem Klang eine Frequenz zuschreibt. In einer Melodie wertet man die Änderung dieser Frequenz aus. Für den Umrechnungsprozess eines Klanges in einen Ton ordnet das Ohr bzw. das Gehirn den gehörten Klang einer Grundfrequenz zu. Je nach Klangspektrum kann das sehr leicht (Sinusoszillator) sein oder auch absolut unmöglich (Rauschen). Wer einen additiven Synthesizer bedient, kann direkt nachvollziehen, wie fließend die Grenzen bei der Addition reiner Sinusschwingung zwischen obertonreichen Tönen, Harmonien und bloßen Geräuschen sind.  Die Theorie hinter diesem Syntheseprinzip ist die Fourier-Transformation, nach der jeder Klang als Summe vieler einzelner Sinuswellen dargestellt werden kann. Sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ist jeder von uns als Ton identifizierbare Klang also bereits eine Harmonie - eine Mischung einzelner Wellenlängen (Einzeltöne). Eine Melodie ist demzufolge in der Natur immer die Abfolge von Harmonien.

Doch dieses Problem mit den Begriffen ist nicht der wesentliche  Teil meiner Argumentation. Ich möchte zunächst einen Unterschied zwischen einer musikalischen Melodie und einer chaotischen  Melodie machen. Wenn ein Mensch spricht, könnte man einen Tonhöhenverlauf ermitteln, für den der Namen Sprachmelodie zutreffend ist. Diese Melodie ist im Grunde ungeordnet, also chaotisch. Eine musikalische Melodie, also eine Melodie, die notierbar ist bzw. in prähistorischer Zeit sanglich reproduzierbar sein musste, folgt aber sehr wohl einer Ordnung - der Ordnung von Tonleitern. Tonleitern sind eine nicht ganz zufällige Auswahl bestimmter Grundfrequenzen, die für den Bau von Melodien zur Verfügung stehen.  Die Oktave als Rahmenintervall einer Tonleiter ist beispielsweise eine mathematisch leicht erfassbare Größe, denn sie ist die doppelte Schwingungsanzahl des Grundtons. Wohl kaum werden prähistorische Menschen einen Weg gekannt haben, mathematisch-physikalische Gesetze in Klang zu verwandeln. Sollten sie von allein (also monophon) von der mehr oder weniger chaotischen Tonhöhenänderung ihrer Lautfolgen oder ihrer Vogelnachahmung auf die Ordnung in Tonleitern gekommen sein? Oder ist es nicht viel naheliegender, dass sie die Intervalle der Tonleitern nur im Zusammenklang - also in der Resonanz - erfinden konnten? Und wie wahrscheinlich ist es, dass ein solcher Zusammenklang im bunten Gezwitscher von Vogelsängern entdeckt wurde? Wohl eher gering.

Ich glaube, dass der Beginn der Melodik - so wie wir sie kennen - nicht in der chaotischen Melodie zu suchen ist, sondern dass dafür als erstes die Entdeckung des gleichbleibenden Tons bedeutsam war. Genau das Gegenteil also der Tonhöhenänderung, die Melodie ausmacht. Stellen Sie sich ein "Ommm" oder eine "Hejahoa"vor, vielleicht auch ein monoton gesprochenes Mantra. Die erste melodische Erfahrung ist der harmonische Klang der eigenen Stimme, in dem Moment wo die Stimmlippen Resonanz finden in der Balance von gezielter Luftzufuhr und Muskelspannung. Und auf einen solchen Ton schwingt sich ein zweiter Mitmensch ein. Der Gleichklang verbindet. Von da ist es nicht mehr weit zur Entdeckung reiner Intervalle wie der schon genannten Oktave. Die Oktave muss man schon allein bei der Begegnung von Frauen- und Männerstimme entdecken. Oder der reizvoll stabile Klang von Quinte und die Quarte. Meine Vermutung ist, dass die Wahrnehmung dieser speziellen Resonanzen und Interferenzen den Aufbau von Tonleitern und damit die Grundlage für die Melodie schuf . Stichwort: Bordun. Das Experimentieren beginnt, wenn ein Sänger den Ton beibehält und ein zweiter zwischen gut klingenden Intervallen wechselt. Somit wird die musikalische Melodie aus der harmonischen Erfahrung geboren. Die Monophonie also aus der Polyphonie. Kompakt gesagt: Als erstes entdeckt der Mensch die Harmonie des stabilen Tons; als zweites dann die Harmonie mehrerer stabiler Töne; als drittes die Wirkung der Tonhöhenänderung über einem Bordun und damit die Tonleiter. Erst durch die Tonleiter kann eine musikalische Melodie entstehen, vorher gab es keine Musik sondern nur Lautmalerei, die maximal imitiert werden konnte.

Gerade den Musikpädagogen ist der Blick auf diese Möglichkeit der Musikwerdung ein wenig verbaut, denn ihre Aufgabe ist es, das (mehr oder weniger) fertige System der tonalen Musik zu vermitteln. Beim methodisch-didaktischen Gang durch dieses fertige Gebäude kommt man leicht auf die Idee, dass sich die Werdung der Musik so zugetragen haben könnte, wie sie der Schüler am besten und schnellsten begreift. Der Schüler wird sozusagen zum Sinnbild jenes gedachten "Urmusikers". Allein der Gedanke, dass einzelne Erfinder am Werk waren, ist eine von unserer individualistischen Denkweise gefärbte Idee. Musiker sind ja wie besessen vom Glauben an das alles überragende Genie - schlimmstenfalls an ihr eigenes. Doch nicht das Genie bewegt die Entwicklung, sondern die Entwicklung bewegt das Genie. Für den Menschen ist es nur einfacher, es andersherum zu sehen. Erfindung und  Entwicklung ist stets ein kollektiver Vorgang, denn immer basiert er größtenteils auf Fremdleistung. Man würde heute von der "Vernetzung von Gehirnen" sprechen, die infolge der Entwicklung einer Schriftsprache über die Ebenen von Raum und Zeit hinaus ragt. Bildung ist nichts anderes als die Begegnung mit längst toten oder noch lebenden Geistern.

Es stellt sich die Frage, ob man meine Vermutung zur Entstehung von Melodik eventuell nutzbringend in die Didaktik einbauen könnte. Ich denke: Ja. Die Gitarre eignet sich sogar  hervorragend. Vermutlich war es ein Saiteninstrument, anhand dessen die Physik von Tonleitern nachvollzogen werden konnte - auch hier ein Stichwort: Monochord. Ich lasse die Schüler die E-Dur- und E-Moll-Tonleiter auf der hohen e-Saite bei gleichbleibendem Daumenbass auf dem tiefen E spielen. Die klangliche Wirkung der einzelnen Stufen ist dadurch schön erfahrbar, und die Struktur von Halb- und Ganztönen kann nicht besser sichtbar werden.

Fassen wir zusammen: Nur im Zusammenklang konnten sich im Laufe der Musikentwicklung feste Stufen von Tonleitern verifizieren lassen. Tonleitern sind die Grundlage für die musikalische Melodie, die sich von der chaotischen Melodie - z.B. der Sprachmelodie oder der Melodie von Vogelrufen - unterscheiden. Nicht ein einzelner Mensch hat die Melodik erfunden, sondern ein Chor von Menschen, die im Zusammenklang unterschiedlicher Intervalle die Wirkung der Harmonien entdeckt haben. Der einzelne Melodieton ist demnach von Anfang an ein Bestandteil einer gehörten oder später gedachten Harmonie.




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